ZEIT ONLINE: Bach für die Struktur und Debussy ...

Sakamoto: ... für die Harmonie, so könnte man das sagen. Bach habe ich wegen des Kontrapunkts sehr gemocht und am Anfang vor allem auch, weil ich Linkshänder bin. Bei Bach sind rechte und linke Hand gleichberechtigt, als Achtjähriger fand ich das sehr fair. Als ich 13 oder 14 war, bin ich dann das erste Mal mit der Musik von Debussy in Berührung gekommen – und es hat mich einfach umgehauen. Diese Musik war so anders als alles, was ich bis dahin kannte, anders als Beethoven oder Bach. Debussy bewegte sich zwischen klassischer Komposition und einem neuen Stil des 20. Jahrhunderts.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich damals viel mit den Noten beschäftigt?

Sakamoto: Ja, jedes Mal, wenn ich ein Stück Musik gefunden habe, das ich mochte, bin ich ins Kaufhaus gerannt, in die Musikabteilung und habe mir die Partitur gekauft. Die habe ich dann auf dem Klavier gespielt oder auch für Klavier arrangiert, wie zum Beispiel den dritten Satz von Debussys Streichquartett.

ZEIT ONLINE: Waren Sie in der Lage, anhand der Noten das Mysterium seiner Musik aufzudecken?

Sakamoto: Ich habe es natürlich versucht. Bei Debussy war es tatsächlich so, dass ich erst mal keine Ahnung hatte, warum seine Musik so klingt, was das Geheimnis ist. Als ich sie dann studierte, sah ich zum Beispiel die Bedeutung der None in der Harmonie, auch die Ganztonleiter als wichtiges Charakteristikum. Wenn man sich einmal mit seiner Musik beschäftigt, kann man Debussys Einflüsse in vielen Bereichen hören, in Hollywood-Soundtracks, im Jazz, im Pop – er war der Vater vieler Entwicklungen in der Musik des 20. Jahrhunderts.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist es für Nachwuchskomponisten, nicht nur die neue Technologie zu kennen, sondern auch die Tradition? Sollte man noch lernen, was ein Kontrapunkt ist, wie man eine Fuge komponiert?

Sakamoto: Ich denke, dass es kein "sollte" gibt. Jeder kann es für sich entscheiden.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie sich denn heute als junger Komponist entscheiden?

Sakamoto: Wenn ich jetzt 18 wäre, würde ich mich sicher mit dem Computer auseinandersetzen, aber traditionelle Wege des Komponierens wie Kanon, Fuge, Kontrapunkt würde ich wahrscheinlich ignorieren.

ZEIT ONLINE: Ist denn eine Kompositionsschule ohne Bach vorstellbar?