Die Hamburger Laeiszhalle scheint noch zu schlafen, als Xavier de Maistre Stunden vor dem Konzert den Künstlereingang erreicht, zu Fuß, allein, in schwarzer Lederjacke und spitzen Schuhen. Nur ein einzelner Fan hat ihn abgepasst. De Maistre gibt dem Mann ein Autogramm und wechselt ein paar Worte mit ihm. Dabei fixiert er sein Gegenüber, als wartete er auf eine Gelegenheit, gemeinsam zu lachen. Er wirkt weder eilig noch nervös, es drängelt kein Manager.

Der französische Harfenist Xavier de Maistre ist mit seinen 35 Jahren ein Popstar im Geheimen. Er macht eine für sein Instrument beispiellose Karriere. Wenn er durch Japan tourt, sind die größten Säle des Landes ausverkauft, die Leute reisen ihm nach wie einem Guru. In Europa dagegen wird sein Name erst in letzter Zeit bekannter, obwohl er vom Palau de la Musica in Valencia bis zum Konzerthaus Berlin in bedeutenden Häusern auftritt.

Er konzertiert als Solist nicht nur mit den Wiener Philharmonikern, denen er als Soloharfenist seit 1999 angehört, sondern auch mit dem Radio Sinfonieorchester Wien oder dem Orchestre National de France. Für seine Debussy-Platte Nuit d'étoiles wird er am 18. Oktober als "Instrumentalist des Jahres" mit dem Echo Klassik geehrt, den der Bundesverband der Musikindustrie jährlich vergibt.

Eine Begründung hat ihm die Jury nicht gegeben. "Man wird nominiert, fertig", sagt de Maistre. Sein Deutsch ist nuanciert, er ist mit einer Deutschen verheiratet; nur das "h" in "Harfe" spricht er französisch aus. "Ich nehme an, die Platte hat ihnen gefallen, und sie wollten meinen Weg würdigen."

Der war ziemlich steinig. Denn die Harfe hat ein Imageproblem. Als eigenständiges Instrument tritt sie nur selten hervor. Mozarts Konzert für Flöte und Harfe ist das Vorzeigestück, das größte Repertoire aber stammt von  weniger bekannten Meistern wie Marcel Grandjany oder Henriette Renié. Im Orchester hört man von der Harfe gelegentlich ein Arpeggio, oder sie mischt sich als Farbe in den Gesamtklang – mit Vorliebe dann, wenn es überirdisch zugehen soll.

Jahrelang hörte de Maistre von den Konzertveranstaltern: "Wir wissen ja, dass Sie toll sind! Aber Harfe interessiert niemanden". Das wollte er nicht hinnehmen. Er erweiterte das begrenzte Repertoire um Klavier- oder Cembalowerke. Im Jahr 2008 gewann er die Plattenfirma Sony für sich, ein wichtiger Meilenstein. Diese Saison stellt de Maistre als Artist in Residence der Hamburger Symphoniker in der Laeiszhalle das ganze Spektrum seines Schaffens vor, von Haydn bis zu dem gemäßigten Modernen Alberto Ginastera, vom Liederabend bis zum Solokonzert mit Orchester.

Bei der Werkauswahl achtet de Maistre penibel auf die stilistischen und technischen Eigenheiten der Harfe. Um Stücke spielen zu können, die nicht originär für Harfe komponiert wurden, bedarf es einer exquisiten Technik. So dämpft de Maistre die Saiten einzeln ab, damit sich der Nachhall nicht zur Klangwolke vermengt. Gerade in raschen Tempi ist das harte Arbeit.

Das Ergebnis spricht für sich. Die Harfe klingt mal sphärisch wie eine Glasharmonika, mal kehlig wie eine spanische Laute. De Maistres variables und kerniges Spiel lässt auch die Klavierwerke auf Nuit d'étoiles so organisch wirken, als wären sie für Harfe geschrieben. Die junge Sopranistin Diana Damrau gesellt sich in sieben Liedern dazu – heimlich fast, denn ihre Plattenfirma ließ sie nicht auf das Cover der Konkurrenz.

 

Ein musikalischer Pionier war de Maistre schon als Kind in seiner Heimatstadt Toulon, in deren Nähe er heute wieder mit Frau und Tochter lebt. Seine Eltern kümmerte Musik wenig. "Bei uns wurde höchstens falsch gesungen!", erzählt er und lacht. "Ich musste mir mein Gehör hart erarbeiten." Immerhin schickten sie ihn zum Solfège, dem in Frankreich üblichen Musiktheorieunterricht für Kinder. Da verguckte sich der Neunjährige in die Lehrerin – und die unterrichtete zufällig auch Harfe.

Seine Begabung zeigte sich bald. Aber statt Musik studierte er, weil seine Familie es wünschte, Politikwissenschaft in Paris und London. Harfenunterricht nahm er privat – und gewann 1998 den berühmtesten Harfenwettbewerb der Welt in Bloomington, Indiana.

Seit acht Jahren ist de Maistre Professor an der Hamburger Musikhochschule; dorthin pendelt er mit derselben Gelassenheit, mit der er seine vielen Konzertreisen absolviert. "Es kommen wirklich tolle Leute", sagt er, und man hört ihm die Freude darüber an. Eine seiner Studentinnen hat gerade den zweiten Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD gewonnen; drei von sechs Teilnehmern am Semifinale kamen aus de Maistres Harfenklasse.

Nicht zufällig waren sie alle drei Frauen. Die Harfenwelt ist zu neunzig Prozent weiblich; de Maistre hat seit jeher eine Ausnahmestellung. "Das habe ich immer angenehm gefunden", sagt er grinsend. "Ich liebe Frauen!"