An jedem Knotenpunkt des Netzes gibt es Musik. Neue Lieder und alte, tolle und lahme. Und vor allem: legale und illegale. Wem das Hören allein nicht reicht, wer Dateien auf seinen Rechner ziehen will, der hat zwei Alternativen: Kaufen – oder Klauen. Download-Shops bieten Millionen von Liedern an. Das ist viel, aber längst nicht alle Musik der Welt. Auf der Suche nach Schätzen, seltenen oder nicht (mehr) im Handel erhältlichen Liedern, landet der Hörer früher oder später in einem leidenschaftlich geführten Musikblog. Dort gibt's das Rare, oft als Gratisdownload. Rechtlich ist das Angebot natürlich heikel.

Allerdings wollen nur wenige Musikblogger Antiquitäten ausstellen, die meisten von ihnen sind auf der Jagd nach Sensationen. Wer kann heute Musik anbieten, die erst in zwei Monaten erscheint? Wenn auch nur für ein paar Stunden – Respekt ist ihm sicher. Die neue von Vampire Weekend? Hot Chip? Tocotronic?

So haben Musikalben mittlerweile zwei Veröffentlichungsdaten: den Tag, an dem die Platte eines Freitagmorgens im Laden steht. Und den Tag, an dem die Platte ins Netz gestellt wird, also leakt. Das ist meist ein paar Tage zuvor, in besonders brenzligen Fällen auch Wochen oder Monate. Selbst wenn die Plattenfirma innerhalb weniger Stunden reagiert und den Verbreiter mit Drohungen überzieht – das jeweilige digitale Päckchen von dreihundert, fünfhundert, achthundert Milliarden Einsen und Nullen ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Das unerlaubte Bereitstellen aktueller Alben ist eine Urheberrechtsverletzung. Plattenfirmen verteufeln die kostenlose Verbreitung ihrer Werke, ihnen schade das massiv, sagt etwa der Bundesverband der Musikindustrie. Die meisten Blogger beteuern, die Werke auf Wunsch sofort von der Seite zu nehmen – und streng genommen gar nicht die Übeltäter zu sein. Die Dateien lägen schließlich auf den Servern großer Filehoster wie Rapidshare und Hotfile, die Blogger verlinkten sie nur. Wer die Datei anonym auf den Server geladen hat, ist kaum nachzuverfolgen. Am Ende stellen sich alle ein bisschen blöd.

Manche Blogger mögen tatsächlich einen aufklärerischen Anspruch haben, sie sind in der Minderzahl. Den meisten geht es lediglich um die Verbreitung von Musik. Aufschlussreiche Begleittexte? Mangelware.

Den Bloggern von Bolachas etwa kann es gar nicht schnell genug gehen: Täglich verschenken sie eine Familienpackung Bonbons. Geschmacksrichtung? Egal. Tom Waits, Beatles, Isis, King Crimson, Animal Collective ... Unabhängige Informationen zu den Werken gibt es dort kaum. Ein Link zur Plattenfirma, einer zu MySpace, einer zum Gratisdownload, "try" steht da.

Noch spärlicher versorgt No Data seine Leser mit Informationen. Über der Seite steht: "For the major labels, it's over. It's fucking over. You're going to burn to the fucking ground, and we're all going to dance around the fire." Elektronisches gibt es hier, im Übermaß, manchmal acht neue Einträge am Tag. Wann soll man das alles hören? Blogs wie dieses funktionieren wie eine Anhörstation im Musikkaufhaus. Die Qualität ist oft mittelmäßig, wichtiger als eine hohe Bitrate ist die Schnelligkeit.

Und es dämmert uns: Sind Dateiensammler womöglich noch wahlloser als Plattensammler? Sie laden, laden, laden. Und am Ende gammelt die Datei dann doch in irgendeiner dunklen Kurve der externen Festplatte vor sich hin.

Es ist wie im echten Leben: Bunter sind die Angebote der Trödler. Derer, die sich um das Neue wenig scheren und lieber ein paar patinierte Kostbarkeiten ausgraben. Schlendern wir ein paar Meter an ihren Auslagen entlang.

Die erfreulichsten Blogs sind solche, die sich einem bestimmten Genre widmen. Da schreiben Kenner, Wissende, Liebhaber. Hier etwa: Die meisten Beiträge auf The P5 beginnen mit dem Satz "Am heutigen Tag im Jahr ..." – und dann folgen Post Punk, Progressive, Pop und Party. Die beiden Blogger Mookie und Club80 erinnern an die wichtigen und an die vergessenen Singles aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. Sie erläutern den Kontext und verlinken die entsprechenden Dateien. Letzte Woche: Josef K, die Cure-Vorläufer Cult Hero, Wire und die Pretenders. Die meisten dieser Singles, das beteuern die beiden, sind längst nicht mehr erhältlich, weder als Vinylscheibchen noch in den Datenbanken heutiger MP3-Höker.