Carsten Klook beschwerte sich an dieser Stelle kürzlich über die größenwahnsinnige Sprache der Musikpromoter. Ihr Ton sei übertrieben, flach und abgegriffen, schrieb er. Kaum ein Waschzettel, der nicht ein Meisterwerk ausrufe.

So recht er mit diesen Feststellungen hat, so erstaunlich ist doch seine Beschwerde. Denn Promoter machen vor allem – Werbung! Wer erwartet schon eine ehrliche Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile eines neuen Plasmafernsehers im Saturn-Prospekt? Eine Reportage über Tiertransporte aus der Feder eines Schlachtermeisters? Musikwerbung ist nicht besser und nicht schlechter als andere Werbung, selten originell, meist dumpf.

Und es ist doch einfach: So wie die wochenendlichen Waschzettel von Media Markt und Aldi in die blaue Tonne wandern, so pickt man den schräg kopierten Liebesbrief des Musikpromoters mit spitzen Fingern aus der Post und entsorgt ihn ungelesen. Nein, erregen muss man sich über die unterirdische Qualität solcher Lyrik nicht.

Eher schon darüber, dass viele den Waschzettel offenbar nicht sofort entsorgen. Und dass sich die Texte rasend schnell verbreiten – und erstaunlich weit. Mancher Blogger mag vor lauter Begeisterung über ein neues Werk seiner Lieblingsband eine unkommentierte Pressemitteilung veröffentlichen, sei's drum. Dass Musikjournalisten sich den langen Umweg über Hinhören und Recherche sparen und leicht paraphrasierte Sensationslyrik als eigene Rezension verkaufen, ist hingegen ärgerlich.

Im harmlosesten Fall wiederholt der Journalist das Namentropfen des Promoters. Im schlimmsten finden ganze Sinnzusammenhänge ihren Weg in die Zeitung. Schade, dass es die Plattenfirmen im Falle ihrer Infoblättchen nicht so genau nehmen mit der Frage des geistigen Eigentums.

Das neue Album der Eels etwa: Michael Wopperer schreibt im Februar-Heft des Musikexpress ein paar wohlmeinende Zeilen über End Times. Sie vermitteln den Eindruck, Wopperer kenne sich im Werk des Musikers aus und habe mit ihm über die neue Platte gesprochen. Doch, Schreck, das Hintergrundwissen stammt aus dem Text der Promoterin, das scheinbar geführte Gespräch ist aus im Presseinfo überlieferten Zitaten des Musikers zusammengesetzt. Distanz? Recherche? Pah. Die Strategie ist verbreitet – den Eindruck, vor Verfassen einer Rezension ein Interview geführt zu haben, erwecken viele Autoren nur allzu gern.

Wer eitel ist, berichtet das Gewünschte. Nicht selten ruft die Plattenfirma ein paar Wochen vor Veröffentlichung an und fragt, ob die Rezension schon fertig sei und Zitierbares drin stünde. Oh, Wunder, meist schon. Geworben wird dann mit einem Satz, den der Promoter schrieb, der Rezensent wiederholte und in eine Expertenmeinung umfärbte. Der Journalist wäscht den Dünnsinn des Werbers rein. Das bekäme die kalabrische Mafia mit einem Koffer voller Drogengelder nicht besser hin.

Im Verfassen von Sensationslyrik sind viele Musikjournalisten aber auch behänd, ohne im Pressetext zu spicken. So ist der Rezensionsteil der meisten Musikzeitschriften weniger Ausdruck von Meinungsbildung als vielmehr die Ausstellung der Redakteure Eitelkeit und Dokument des Ringens um Relevanz. Gut zu lesen ist das nie.