Die Mails des vergangenen Jahres zu löschen erzeugt schnell einen Rausch, der die Grenzen humanoider Informationstoleranz sprengt. Musikpromotion! Was Clubbesitzer und Labelmacher tagtäglich an Werbematerial in Umlauf bringen, ist nicht nur in der Quantität beeindruckend.

Dass Bands hörenswert sind, muss nichts Schlimmes sein. Das Problem ist nur: Wie wird der Spaß mittels Sprache transportiert? Es herrscht offenbar Einigkeit unter den Werbenden: Superlative, Schlagworte und breitgeklopfte Wiener Schnitzel von Plattitüden müssen her, Schlingpflanzen von Adjektivkolonnen, Reisen durchs Popuniversum auf einer Nudelmaschine. Empfohlen von Namedropper's Delight. Extended Version, versteht sich.

Schon klar, die Zeit drängt, der Newsletter muss noch raus, und die vierzehnte Tasse Kaffee macht auch eher kirre als sprachempfindlich. Also wird das Klischee-Gebläse angeworfen, ein Turm von Marshall-Verstärkern mit 10.000 Watt Ausgangsleistung, die ihren Verbalprotz an die Lautsprecherwand übergeben: Plink. Schon wieder eine Mail.

Waschzettel, heute auch Presse-Infos genannt, sind Zeugnisse der Großartigkeit. Talent ist grundsätzlich einzigartig. Alben werden vorgelegt oder released und sind solange aktuell, bis ein neues kommt, das natürlich nicht nur alle Erwartungen übertrifft und grandios ist, sondern … einzigartig. Rocksongs sind spannungsgeladen, Rhythmen überraschenderweise perkussiv. Und wie nett von ihnen, dass sie zum Tanzen einladen. Nur allzu oft liefert ein Songwriter, der sich der Musik verschrieben hat, ein neues Meisterwerk ab. Aber wie kann es angehen, dass fast alle Musiker eine absolute Ausnahmeerscheinung unter den Musikern sind?

Ein Muss für alle Fans ist ein Kann für alle Aufgeschlossenen, ein Eventuell für den Normalverbraucher und ein Bloß-Nicht für den Experten. Übrigens: Tourneen werden erfolgreich absolviert und zwar mit einem Line-up, das sich sehen lassen kann. Wäre es unsichtbar, sollte man wohl darüber nachdenken, ob Konzerte so angebracht seien.

Seltsam, dass ein Lied auch heute immer noch aus der Feder von Soundso stammt, mit unbändiger Spielfreude vorgetragen wird und voll abgeht. Immer wieder setzt diese Band oder jenes Produkt neue Maßstäbe. Musiker, die Tanzbares abliefern (im Stile von "Ach, stelln se's mal da hin!"), sind auf jeder Party zu Hause.

Und wenn dann schon die Kritiker ins Schwärmen geraten sind, wird meist ein neues Kapitel in der Geschichte der Popmusik geschrieben, warten Kultbands, die zu Kritikerlieblingen avanciert sind, mit Kultsongs auf, die unter der Regie von Kult-Produzent MC-DC-DVD-DJ entstanden sind. Sehr emotionale und ehrliche Musik findet sich auf diesem New Release. Und die Band A war als Support auf der letzten Tour der Band B dabei und hat den Hauptact an die Wand gespielt. Echt satt? Yes.

Und was ist eigentlich los mit der Formulierung "Ein Höhepunkt jagt den anderen"? Wenn ein Höhepunkt von einem weiteren eingeholt wird, dreht sich die ganze Klimax-Formation wohl im Kreis.