ZEIT ONLINE: Herr Blechacz, Sie sind einer der meistversprechenden jungen Chopin-Interpreten. Will das Publikum in diesem Jahr überhaupt noch etwas anderes von Ihnen hören?

Rafał Blechacz: Darüber mache ich mir keine Sorgen. Zum 200. Geburtstag von Chopin bereitet es mir besonders viel Freude, seine Musik vorzustellen. In einigen meiner Konzertprogramme kombiniere ich seine Stücke auch mit Werken anderer Komponisten.

ZEIT ONLINE: Im Herbst findet in Warschau wieder der legendäre Chopin-Wettbewerb statt. Beim letzten Mal vor fünf Jahren haben Sie alle ersten Preise gewonnen. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Blechacz: Vieles ist anders geworden. Ich reise oft, gebe in aller Welt Konzerte und lerne überall neue Leute kennen. Vor dem Wettbewerb ging es wesentlich ruhiger zu. Ich trat vor allem in Polen auf, aber natürlich nicht so häufig wie jetzt. Inzwischen merke ich, dass ich mich beschränken muss. Mehr als 40 Konzerte im Jahr kann ich nicht geben. Sonst bliebe mir zu wenig Zeit, um mein Repertoire zu erweitern. Im vergangenen Jahr habe ich mir vier Monate freigehalten, um zu üben und neue Stücke einzustudieren.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie zum ersten Mal öffentlich ein Stück von Chopin gespielt?

Blechacz: Bei meinem ersten Wettbewerb in Polen, da war ich elf. Ich spielte Bach und Chopins Nocturne op. 32 Nr.1. Daran erinnere ich mich noch ganz genau.

ZEIT ONLINE: Es gibt Referenzaufnahmen berühmter Pianisten, die als Meilensteine gelten. War es schwierig, zu eigenen Interpretationen von Chopins Werken zu finden?

Blechacz: Ich habe wundervolle Aufnahmen gehört, etwa von Ignacy Jan Paderewski, Arthur Rubinstein, Maurizio Pollini, Krystian Zimerman und Martha Argerich. Das hat mir manchmal sehr bei meinen eigenen Vorbereitungen geholfen. Am wichtigsten ist mir jedoch die Partitur. Ich respektiere alle Komponisten, kontroverse Interpretationen sind nicht unbedingt meine Sache. Die Interpretation eines Werkes muss natürlich, lebendig und musikalisch sein.

ZEIT ONLINE: Worin liegt der besondere Zauber von Chopins Musik? Verraten Sie uns Ihr Lieblingsstück?

Blechacz: Ich mag vor allem die schönen Melodien, den kantablen Stil, außerdem die Harmonien und Modulationen. Welches Stück ich bevorzuge, kann ich nur schwer sagen. Schon als Kind liebte ich die beiden Klavierkonzerte in e-Moll und f-Moll. Auch die Mazurkas faszinieren mich. Sie haben etwas Immaterielles an sich, das sich jedem Zugriff entzieht. Und die Polonaise Fantaisie As-Dur op. 61 ist für mich so etwas wie Chopins Testament, sie enthält einfach alles: einen polnischen Tanz, viele improvisierte Fragmente und eine große Palette an Emotionen.