ZEIT ONLINE: Herr Maisky, den Geigerinnen und Geigern liegt die Welt zu Füßen. Ist das Cello nicht so sexy?

Mischa Maisky: Das war schon immer so. Ich habe dazu meine eigene Theorie entwickelt. Weil die Violine handlich ist, kann sie den Interpreten ständig begleiten. Ein Cellist muss sich hinsetzen, und er braucht die passende Umgebung zum Spielen. Das Cello ist weniger virtuos, es war aber immer ein Instrument der Vornehmheit und für Könige ( lacht ). Ich denke, wir Cellisten haben keinen Grund zur Klage. Wir sind heute schon viel berühmter als wir es in der Vergangenheit waren, und ich spüre, dass sich dies im positiven Sinne weiterentwickelt. Derzeit wächst eine wunderbare neue Generation von Cellospielern heran.

ZEIT ONLINE: Sie gelten als Romantiker des Cellospiels, sehen Sie sich selbst auch so?

Maisky: Diese Bezeichnung nehme ich gern als Kompliment an. Wenn Klassikhörer mich anklagen, ich würde Johann Sebastian Bach zu romantisch spielen, empfinde ich das als großes Lob. Bach war der größte Romantiker seiner Zeit und zwar auf vielen verschiedenen Ebenen. Er hat nicht nur den größten Anteil an bemerkenswerter Musik in der Musikgeschichte geschrieben, er war auch noch Vater von zwanzig Kindern. Bach stand also mitten im Leben. Ich teile letztlich die Ansicht Wladimir Horowitz’, dass Musik per se romantisch ist.

ZEIT ONLINE: Sie haben 2007 mit Julian Rachlin und Nobuko Imai Bachs Goldberg-Variationen in einer Bearbeitung für Streichtrio eingespielt. Wie stehen Sie generell zu Bearbeitungen?

Maisky: Ich habe keine Probleme damit, wenn Bearbeitungen mit Respekt und gutem Geschmack entstehen. Die meisten großen Komponisten haben doch selbst Arrangements eigener oder fremder Stücke vorgenommen. Ich denke, Bach wäre sehr glücklich, wenn er die Bearbeitung für Streichtrio hören würde. Aber ich muss auch sagen: Es war eines der schwierigsten Werke, die ich bisher gespielt habe. Die Goldberg-Variationen stellen alle drei Spieler vor extreme technische Herausforderung. Mit allen Wiederholungen dauert das Werk rund achtzig Minuten, man muss sich höllisch konzentrieren. Und gegen Ende des Stückes wird es immer komplexer. Nehmen Sie nur die Variation Nr. 25 ! Was dort alles vorzufinden ist hinsichtlich Intensität und Harmonik. Das ist zeitgenössische Musik! Das hätte gestern geschrieben sein können. Das ist für uns heute genau so modern, wie es vor zweihundert Jahren war und auch in zweihundert Jahren noch sein wird.

ZEIT ONLINE: Wie kann man Ihrer Meinung nach die "hohe Klassik" einem breiten Publikum interessant machen?

Maisky: Anstatt die klassische Musik von ihrem hohen Level auf ein einfaches zu bringen, um sie quasi massentauglich zu machen, sollte man das Interesse und die Hörgewohnheiten des Publikums auf eine andere Ebene bringen. So etwas ist natürlich nicht leicht. Aber ich denke, man sollte niemals die Substanz der Musik opfern, sie also nicht simplifizieren. Das Problem ist, dass viele Leute überhaupt nicht wissen, was wirklich große, klassische Musik bedeutet, weil sie nie die Chance hatten, sie zu hören. Es ist deshalb wichtig, attraktive Aufmachungen für die ernste Musik zu finden.

ZEIT ONLINE: Sie halten sich mit Aufführungen zeitgenössischer Musik sehr zurück. Warum?

Maisky: Wenn man Bach, Schubert oder Brahms spielt, und man spielt sie nicht sonderlich gut, wird niemand deshalb behaupten, Bach, Schubert oder Brahms wären keine großen Komponisten gewesen. Jeder wird die Schuld auf den Interpreten schieben. Aber wenn du als berühmter Musiker einen Gegenwartskomponisten spielst und nicht dein Bestes gibst, besteht die große Gefahr, dass die Leute behaupten, die Musik des Komponisten sei nicht gut. Du trägst also eine größere Verantwortung, zeitgenössische Musik auf die bestmögliche Art und Weise vorzutragen.