Raab ist der neue Bohlen. Der Chef-Juror in einer Fernsehsendung, die einen Star sucht. Diesmal keinen Superstar, sondern einen für Oslo, für den diesjährigen Eurovision Song Contest. Stefan Raab, der musizierende Spaßmacher von ProSieben, hat den Hilferuf der ARD erhört und packt mit an, um den morschen Karren namens Gesangswettbewerb aus dem Matsch zu ziehen.

Zuvor hat er alle Jahre wieder versucht, dem wenig straßenglaubwürdigen Eurovision Song Contest mit seinem geerdeten Bundesvision Song Contest einen Kontrapunkt zu setzen. Auch um den deutschen Popnachwuchs zu fördern, um der Öffentlichkeit zu beweisen, dass in diesem Land mehr geht als Rosenstolz und Grönemeyer. Und um Dieter Bohlen den Rang als Casting Daddy streitig zu machen.

Nun greift er, in Zusammenarbeit mit der ARD, erneut zum Prinzip der Castingshow. Denn das verspricht nicht nur hohe Einschaltquoten, sondern bindet das Publikum an das Produkt – mag dieses nun ein Mensch oder ein Festival sein. Die Gemeinschaft kürt einen Hoffnungsträger aus ihrer Mitte und beobachtet sich währenddessen im Fernseher. Wir erinnern uns an die Besetzung des Musicals Tarzan, an die des Kinofilms Wickie und die starken Männer, an Germany’s Next Topmodel, Popstars oder Deutschland sucht den Superstar (DSDS). Wann immer das Publikum sich die Protagonisten selbst aussuchen darf, sind die Empathie und Treue ihnen gegenüber besonders hoch. Und Empathie, Euphorie, überhaupt die Akzeptanz der Massen hat der Eurovision Song Contest bitter nötig nach den peinlichen Auftritten der deutschen Vertreter in den vergangenen Jahren.

Um neue Begeisterung zu entfachen, ist Stefan Raab der Richtige, hat er doch ein Händchen für massentaugliche Unterhaltung. Wie der Auftakt von Unser Star für Oslo zeigt (der zeitgemäße Zuschauer sagt USFO), weiß er, wie man das DSDS-Konzept mit leichten Modifikationen ins öffentlich-rechtliche Licht rückt. Er kennt die Anforderungen des Eurovision Song Contest aus eigener Erfahrung: Im Jahr 1998 sang Guildo Horn dort Raabs Lied Guildo hat euch lieb, zwei Jahre später wagte er sich selbst auf die Bühne mit der Komposition Wadde Haddde Dudde Da, und 2004 trat er dort mit Max Mutzke auf, dem Sieger von Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star. Was aber das Wichtigste ist: Er hat den festen Willen, es besser zu machen. Besser als die ARD zuvor. Besser als Dieter Bohlen allemal.

So gerät die erste der acht Auswahlsendungen von Unser Star für Oslo souverän und musikalisch erstaunlich niveauvoll. Es treten zehn von zwanzig Kandidaten auf, sie können singen und gerade Sätze sprechen. Sie wollen nicht aus ihrem traurigen Alltag erlöst werden, sondern Held für ein Lied sein. 4500 andere sind vorher ausgeschieden. Die Jury, an Raabs Seite diesmal Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen, bemüht sich um fundierte, wenn auch etwas liebliche Urteile. Hier geht es offensichtlich nicht um die Bloßstellung der Kandidaten, sondern um die Musik. Und am Ende der Show bleiben nach einer Telefonabstimmung fünf Sänger übrig, gute Wahl, so kann es nächsten Dienstag mit den zweiten Zehn weitergehen.

Allerdings ist ungewiss, ob dieses Verfahren bis zum 12. März tatsächlich einen Kandidaten und einen Song hervorbringt, die am 17. Mai in Oslo gute Chancen haben. Man vertraut dem Plebiszit, aber es bleibt lediglich zu hoffen, dass diese Volksabstimmung auch nach dem Geschmack der anderen Beitragsländer ist. Denn die deutschen Fans dürfen zwar ihrem Vertreter zujubeln, aber im großen Entscheid nicht für ihn abstimmen. Kann und will Raab Ethnokitsch, ist also die Frage.

Auch wenn er sie letztlich wohl verneinen muss, hat dieses Projekt sein Gutes: Es führt dem Fernsehpublikum vor Augen, dass Deutschland viele Gesangstalente hat. Bisher waren sie nur versteckt, weil ihnen DSDS zu peinlich ist. Das ist doch auch schon eine beruhigende Erkenntnis, Oslo hin oder her.