Patti Smith und Charlie Haden gehörten schon vor zehn Jahren zu Ornette Colemans Herzensgästen, und sie kamen auch zu seiner informellen Geburtstagsparty, die er im vergangenen Juni auf der Bühne der Londoner Royal Festival Hall gab. Coleman hatte die Leitung des einwöchigen Londoner Meltdown Festivals übernommen, es war ihm eine besondere Ehre. Er bemühte sich, in einem einzigartigen Programm so unterschiedliche Bands zusammenzuführen wie The Roots, Patti Smith, Yoko Ono's Plastic Ono Band und Charlie Haden's Liberation Music Orchestra und sie mit seiner eigenen Musikwelt in Einklang zu bringen.

An Auszeichnungen mangelt es dem Künstler heute nicht, der die amerikanische Musikgeschichte vor 50 Jahren in eine neue Richtung dirigierte. Doch am Anfang seiner musikalischen Karriere wollte keiner etwas von ihm wissen. In den fünfziger Jahren lebte er in Los Angeles, arbeitete dort als Fahrstuhlführer. Wenn er während einer Jamsession die Bühne betrat, verließen die Musiker nach und nach das Podium: Sein Plastiksaxofon klang so radikal anders, hinzu kam seine äußere Erscheinung. Coleman trug bereits lange Haare und Bart, bevor Dreadlocks zur Mode wurden.

Am Ende des Jahrzehnts setzte der Autodidakt mit seinem legendären Free-Jazz-Quartett im New Yorker Club Five Spot neue Jazzstandards. Er komponierte außerdem Streichquartette, Holzbläserquintette, Stücke für Ballett und Symphonieorchester, in den achtziger Jahren nahm er mit Pat Metheny das Album Song X auf und mit Jerry Garcia Virgin Beauty. "Ich bin an menschlichen Qualitäten, Wertvorstellungen und Sensationen interessiert, die unabhängig von der jeweiligen Hautfarbe der Akteure sind", sagt Coleman.

Er wuchs in Fort Worth, Texas, in einem rassistischen Spannungsfeld auf. Die Segregation will er später in seiner Musik lange vor ihrer gesetzmäßigen Abschaffung überwinden. Sein Vater starb früh, er kann sich an ihn nicht erinnern, und dass seine Eltern beide am 25. Dezember Geburtstag hatten, habe er erst viel später erfahren. "Ich bin von Frauen erzogen worden", erzählt Coleman im Gespräch in seinem großzügigen New Yorker Loft. "Ich habe mir selbst beigebracht, mein Instrument zu spielen, zu komponieren und wie man Sachen macht, die Männer so tun. Ich muss Fehler, die mir unterlaufen, nicht kaschieren." Sein musikalisches, "harmolodisches" System basiere darauf, dass er mit anderen teilen wolle. "Wenn ich beschreiben könnte, was ich fühle, wäre die Welt ein Ort des Glücks."

In seiner Begriffswelt spielen Vagina und Wahrhaftigkeit, Glaube, Kapitalismus und Liebe ganz große Rollen. In dem 1986 veröffentlichten Film Ornette: Made in America berichtet er, warum er sich vom Sex einst durch Kastration habe befreien wollen, und dass der Arzt ihm zur Beschneidung riet. Die Filmemacherin Shirley Clarke hat dazu Bilder von der ersten Mondlandung montiert.