Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lenkte er die Geschicke des weltweit renommiertesten deutschen Musikfestivals: Der ehemalige Intendant der Bayreuther Festspiele, Wolfgang Wagner, ist am Sonntagabend im Alter von 90 Jahren in seinem Privathaus in Bayreuth friedlich eingeschlafen.

Wagner wurde am 30. August 1919 in Bayreuth als Enkel von Richard Wagner und Urenkel von Franz Liszt geboren. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Regieassistent an der Preußischen Staatsoper Berlin und absolvierte ein privates Musikstudium. Von 1951 an leitete er zusammen mit seinem Bruder Wieland Wagner die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder begründeten Bayreuther Festspiele.

Zwei Jahre später folgte mit der Oper Lohengrin seine erste von insgesamt zwölf eigenen Inszenierungen am Grünen Hügel. Mit Gastinszenierungen war er unter anderem in Rom, Venedig, Palermo, Mailand, Dresden, Taormina und Tokio vertreten. Nach dem frühen Tod seines Bruders im Oktober 1966 wirkte er mehr als vier Jahrzehnte lang als alleiniger Festspielchef.

1976 ließ sich Wagner von seiner ersten Frau Ellen Drexel scheiden und heiratete seine langjährige Mitarbeiterin Gudrun Mack. Ihr überraschender Tod im November 2007 machte schließlich nach längeren Auseinandersetzungen den Weg frei für seine Nachfolge. Im September 2008 übernahmen seine beiden Töchter, die Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier (64) und die 31-jährige Katharina Wagner das Zepter am sogenannten Grünen Hügel.

Wolfgang Wagner stabilisierte die Festspiele in schwierigen Zeiten. Es gelang ihm, wichtige Regisseure zu verpflichten – wie Patrice Chéreau für den "Jahrhundertring" 1976, Götz Friedrich (Tannhäuser) und zuletzt Christoph Schlingensief (Parsifal). Unter seiner Leitung entstanden mehr als 1700 Aufführungen im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel.

Der Festspielsprecher Peter Emmerich sagte, die Nachricht vom Tode Wolfgang Wagners mache alle Mitarbeiter der Festspiele tief betroffen. "Ein Zeitalter geht zu Ende", betonte er. "Vor seinem Lebenswerk und seiner unglaublichen Persönlichkeit kann man sich nur verneigen." Der Vorsitzende der Richard-Wagner-Stiftung, Toni Schmid, sagte, Wagner habe das Werk seines Großvaters über Generationen hinweg bewahrt und weitervermittelt. "Seine Energie, seine Kreativität und nicht zuletzt sein Humor haben uns alle immer wieder beeindruckt und nachhaltig geprägt."

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) würdigte Wolfgang Wagner als "herausragende Theaterpersönlichkeit". Als dienstältester Intendant der Welt habe er "den Festspielen wie kein anderer seinen Stempel aufgedrückt", sagte Seehofer. Nun sei die Theaterwelt "um einen großen Künstler und Bayern um einen großen Franken ärmer geworden". Erst im November 2009 hatte Seehofer (CSU) Wagner das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband verliehen, als Dank für sein einzigartiges Lebenswerk. Das ist die zweithöchste Auszeichnung in der Bundesrepublik Deutschland, die nur sehr selten vergeben wird. "Sie haben die Bayreuther Festspiele auf die Weltbühne gehoben", sagte Seehofer damals zu der "Kulturinstitution" Wolfgang Wagner. Bundespräsident Horst Köhler würdigte den dienstältesten Intendanten der Welt damals als eine der herausragenden Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens.

Wagner soll im engsten Familienkreis bestattet werden. "Die Familie möchte, dass die Beerdigung Privatsache bleibt", sagte Peter Emmerich. Daneben soll es aber auch eine offizielle Gedenkfeier geben. Auf Wunsch der Belegschaft soll auf dem Festspielhaus die Wagner-Fahne mit Trauerflor auf halbmast gehisst werden. Die Flagge mit einem roten W auf weißem Grund wird üblicherweise im Sommer während der Festspiele aufgezogen.