Der Weg ist lang, mühsam und holprig. Es scheint, als bestätige die Anreise nach Bayreuth durch die oberfränkische Provinz den Grundgedanken des im 18. Jahrhundert erstarkenden Festspielkonzeptes. Realitätsentrückung war die große Sehnsucht.

Dann aber: Endstation Festspiel- und Universitätsstadt. Junge Menschen kommen zum Studieren und Wagnerianer, um den Grünen Hügel zu besuchen. Besonders in den Sommermonaten wird die Klischeekiste geöffnet und die Stadt mit Komponistenmemorabilia verziert. Kein Weg führt vorbei am Übervater der Stadt, dessen Silhouette über die Geschäftseingänge geklebt wird. Es gibt Wagner-Wein und Brunhilde-Brötchen. Wenn Bayreuth ein Gesicht hat, dann ist es das des kompositorischen Großmeisters, dessen Fans noch heute in seine steingewordene Vision eines Festspielhauses pilgern.

Auf dem sinnbildlich gewordenen Grünen Hügel thront die Festspielresidenz, die zum Anziehungspunkt und zugleich kulturellen Trauma der Stadt wurde. Natürlich sind die Anwohner stolz. Sie sonnen sich in dem alljährlich kurz aufscheinenden Scheinwerferlicht, die Prominenz aus aller Welt zieht viele Kameras nach Bayreuth. Und doch bleibt den Bürgern der Stadt bis auf die Einnahmen aus Tourismus wenig von dem kulturellen Großereignis. Die Festspiele, die bleiben unerreicht.

Etwa zehn Jahre wartet man auf ein Ticket. Der größte Teil der Besucher kommt von außen. Das deutschlandhin als Kulturstadt, ja gar Weltkulturerbe gehandelte Bayreuth hat nicht einmal ein eigenes bespieltes Theater (von einigen Laienimprovisationen abgesehen). Außer den bevölkerungsfernen Festspielen gibt es hier kaum kulturelle Angebote. Dass es nie zum erwarteten Aufschrei der Bevölkerung kam, verdankt die Stadt vor allem Wolfgang Wagner. Er war der Mittler zwischen Stadt und Hügel.

Wer das Verhältnis der Einwohner zum Enkel Richard Wagners verstehen will, muss einen Blick auf Bayreuths Nachkriegsgeschichte werfen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit, die Befreiung aus dem braunen Sumpf, in dem das Kleinstädtchen zu versinken drohte, vollbrachten die Bewohner gemeinsam mit den Wagners. Es waren die zwei Brüder, die das kulturelle Erbe einer vorbelasteten Familie übernahmen. Der Visionär (Wieland) und der Verwalter (Wolfgang) entrümpelten Bühne und Köpfe der Menschen.

Nach Wielands frühem Tod 1966 war es Wolfgang, der nach all den Jahren seinen Platz in den Herzen der Oberfranken bewahren wird. Als Patriarch zunächst beschimpft, bekam der Beiname im Laufe der Jahre etwas Liebevolles. Die Bayreuther hatten erkannt, wie sehr er die Seele und die Mentalität der Stadt verkörpert. Etwas kauzig, nicht gesegnet mit dem künstlerischen Genie des Bruders, aber dafür firm in Verwaltung und Organisation.