Wenn ein Patriarch stirbt, der den Inbegriff deutscher Opernkultur ein halbes Jahrhundert lang geprägt hat, hält die Musikwelt inne. Als Enkel Richard Wagners war dem am 30. August 1919 geborenen Wolfgang der Weg bereits vorgezeichnet, und so bestimmte die Verwaltung des mächtigen Erbes sein Leben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete er von 1951 bis 2008 die wieder begründeten Bayreuther Festspiele, zuerst zusammen mit seinem Bruder Wieland, nach dessen Tod im Oktober 1966 fürderhin allein. Doch wie wird Wolfgang den Wagnerianern im Gedächtnis bleiben –  er, der vielen als polarisierend, starrsinnig und autoritär galt? 

Konnte sich sein Bruder Wieland während der gemeinsamen Zeit auf dem Grünen Hügel als Regisseur einen Namen schaffen, fiel Wolfgang als herausragender Organisator auf. Und doch hat er es nach dem Tod seines Bruders geschafft, die Bühnenlandschaft zu prägen. Dank seiner Entschlossenheit, Neues zu wagen, wurden unter seiner Federführung mehr als 1.700 Aufführungen verwirklicht.

Vielleicht hatte sich Wolfgang Wagner ein Aperçu Friedrich Nietzsches zu Eigen gemacht, als er daran ging, die Rezeptionsgeschichte des Werks seines Großvaters umzuschreiben. In der Streitschrift Der Fall Wagner – Ein Musikanten-Problem von 1888 notierte Nietzsche: "Aber der Gehalt der Wagnerischen Texte! ihr mythischer Gehalt! ihr ewiger Gehalt! – Frage: wie prüft man diesen Gehalt…? (…) man übersetzt Wagnern ins Reale, ins Moderne, – seien wir noch grausamer! ins Bürgerliche! Was wird dabei aus Wagner? (…) Nichts unterhaltender (…), als sich Wagnern in verjüngten Proportionen zu erzählen; zum Beispiel Parsifal als Kandidaten der Theologie, mit Gymnasialbildung. Welche Überraschungen man dabei erlebt!" In diesem Sinn hat Wolfgang Wagner schon früh für Überraschungen gesorgt und so maßgeblich dazu beigetragen, die von Naziterror und Antisemitismus belastete Wagnergeschichte zu verjüngen, ohne das Erbe dabei zu verleugnen.

Indem er den französischen Regisseur Patrice Chéreau 1976 ins Festspielhaus holte, legte er den Grundstein eines neuen Kapitels in der Operngeschichte. Provozierte Chéreaus "Ring" 1976 noch einen Skandal, gilt diese Inszenierung heute nicht nur vielen Wagnerianern als unerreichter Maßstab. Der junge Regisseur Chéreau hatte es gewagt, die Handlung in die Zeit der industriellen Revolution zu verlegen. Somit bewies Wolfgang Wagner, dessen eigene Inszenierungen oft als zu konventionell kritisiert wurden, einen wegweisenden Mut. Diese Öffnung der Bayreuther Festspiele für innovative Regisseure war sein vermutlich geschicktester Schachzug im Spiel um den Olymp des Bildungsbürgertums.