Die Rolling Stones haben verloren. Seit Anbeginn der Menschheit tobt ein Glaubenskrieg zwischen ihren Anhängern und denen der Beatles. Nun hat sich der Vatikan eingemischt. Vierzig Jahre nach dem letzten Konzil der – wegen ihrer auffälligen Tonsur – Pilzköpfe genannten Gruppe, hat Rom Stellung bezogen und die Beatles selig gesprochen.

Die Gemeinde der Rollenden Steine ist empört über die Rehabilitation: Hatte sich doch der geistige Führer der Gegner, John Lennon, im Jahr 1966 erdreistet, den Namen des Herrn zu beleidigen. Damals verkündete er: "Das Christentum wird untergehen. Es wird schwinden und schrumpfen. (...) Wir sind populärer als Jesus." Der Vatikan war zunächst über diesen Ausspruch schockiert, bezichtigte die Prediger aus Liverpool der Blasphemie und des Satanismus. Es folgte der Kirchenbann.

Vier Jahrzehnte später – was ist das schon angesichts des Ewigen Reichs – dürfen die vier Abtrünnigen wieder unter die Soutane des Papstes schlüpfen. Die Vatikan-Zeitung L’Osservatore Romano hat sich 2008 bei den Beatles entschuldigt, jetzt wurde deren Liedkompendium Revolver in die Liste der zehn päpstlich empfohlenen Musikalben aufgenommen. Dazu erschien im Blatt eine Lobeshymne auf die "magische Alchemie" der Gruppe, ihre kunstvolle "Mischung aus Genialität und Bewusstlosigkeit" und ihren Vorbildcharakter.

Endlich, denn die Ächtung basierte auf einem Missverständnis. Der Glaube und die Liebe zum Herrn spielen seit jeher eine große Rolle in den Texten der Pilzköpfe. Man muss nur etwas genauer hinhören.

Dem Himmelfahrtsmythos widmen die Beatles ein wunderbares Kleinod mit schlichter Gitarrenbegleitung: "Blackbird singing in the dead of night. Take these broken wings and learn to fly. All your life, you were only waiting for this moment to arise." Jesus im Federkleid der Amsel? Nun, Gott lebt in jedem Geschöpf. Trotz aller Beseelung macht die Härte des irdischen Lebens manchem zu schaffen. Diesem Thema verschließen sich die Beatles keineswegs. Ihr schwermütiger Yer Blues schöpft aus dem Alltag und stellt doch den Bezug zur Heiligen Familie her: "My mother was of the sky, my father was of the earth, but I am of the universe. And you know what it’s worth." Im Bibelsinn herrscht hier zwar verkehrte Welt, aber soviel Freiheit sollte man der Kunst zubilligen.

Eines der bekanntesten Stücke der Beatles ist das Opus Let It Be. Kaum ein anderer Choral über eine Marienbegegnung hat so viele Menschen bewegt. "When I sometimes find myself in trouble, Mother Mary comes to me, speaking words of wisdom, let it be." Wie gekonnt die Beatles das Weltliche mit dem Religiösen verbinden, kommt einem musikalischen Wunder gleich. Sogar zu den aktuellen Ereignissen in der katholischen Kirche haben sie ihr Lied zu singen: "Yesterday all my troubles seemed so far away, now it looks as if they're here to stay. Oh, I believe in yesterday."

Wen würde es wundern, wenn es diese Werke bald ins Kirchengesangsbuch schafften. Ob-La-Di, Ob-La-Da erklänge zum Heiligen Abendmahl. Und die Priesterkongregation intonierte frei heraus: "We're Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band." Vielleicht muss sogar die Kirchengeschichte umgeschrieben werden: Hat sich eigentlich noch niemand gefragt, warum zwei der bedeutendsten Apostel Johannes und Paulus heißen – und eben nicht Mick und Keith?