Luigi Nono war ein Poet der Stille. Auf der Suche nach dem ursprünglichen Klang, mit dem alles beginnt und endet, versenkte er sich immer wieder in die Betrachtung der Stadt, in der er geboren wurde und am 8. Mai vor 20 Jahren starb. "In Venedig höre ich die Steine, die Farbe der Steine", sagte er. "Ich sehe nicht die Farbe des Meeres – aber ich höre die Farbe des Wassers."

Nono, der 66 Jahre alt wurde, hinterließ ein reiches Erbe an Werken, die die Hörgewohnheiten des Publikums auf den Kopf stellten und die Grenzen zwischen den verschiedenen Künsten überschritten. Gemeinsam mit Komponisten wie Pierre Boulez , Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio gehört er zu den bedeutenden Vertretern der Nachkriegs-Avantgarde , die der Neuen Musik wichtige Impulse gegeben hat.

Luigi Nono erkannte früh die Verwandtschaft zwischen Musik unterschiedlicher Epochen und bildender Kunst. Sein Großvater Luigi war Maler, der Onkel Urbano Bildhauer. Am Konservatorium von Venedig kam Nono mit der polyphonen Vokalmusik der Renaissance in Berührung. Auch die Moderne – die Zweite Wiener Schule und Komponisten wie Igor Strawinsky und Béla Bartók – waren für ihn von Anfang an prägend. Als Student der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt kam er mit Schülern von Arnold Schönberg zusammen und heiratete 1955 dessen Tochter Nuria.

Die Auseinandersetzung mit neuen Klangformen war für Nono nie ein rein ästhetisches Experiment. Statt Kunst im Elfenbeinturm zu schaffen, suchte er neue Wege, um Musik weiter in die Gesellschaft hineinzutragen. Nono wurde Mitglied der Kommunistischen Partei, nahm politische Inhalte in seine Werke auf und provozierte gesellschaftliche Kontroversen.

Mitte der fünfziger Jahre nutzte er Techniken der seriellen Musik für die Komposition von Il canto sospeso für Sänger, Chor und Orchester. Die Texte stammten aus letzten Briefen europäischer Widerstandskämpfer, die zum Tode verurteilt worden waren. Mit der szenischen Aktion Intolleranza , einem Protest gegen Flüchtlingselend, Diskriminierung und Ausbeutung, wollte er 1960 eine völlig neue Form von Musiktheater schaffen. Die Uraufführung in Venedig löste heftige Proteste aus. Nono befasste sich in jenen Jahren intensiv mit Theoretikern des modernen Theaters wie Meyerhold und Piscator, mit Philosophen wie Sartre und Gramsci und der Lyrik von Lorca, Neruda, Eluard oder Pavese.

Wichtige Wegbegleiter waren der Dirigent Claudio Abbado und der Pianist Maurizio Pollini , mit denen ihn seit den sechziger Jahren eine tiefe Freundschaft verband. Nono habe für ein geistig aufgeschlossenes Publikum komponiert, erinnert sich Abbado in dem Film Eine Kielspur im Meer (2006) von Bettina Ehrhardt und Wolfgang Schreiber. Damals hätten ihn jedoch nicht alle verstanden. "Wenn ein Künstler Inspirationen aus der Politik bezog, sah man das mit Argwohn", sagte Pollini. In dem Städtchen Reggio Emilia , damals eine Hochburg der Arbeiterbewegung, riefen die drei Freunde die Konzertreihe Musica/Realtà ins Leben. Mit Werkeinführungen wollten sie möglichst große Kreise der Gesellschaft für eine neue Form des Hörens sensibilisieren und kritische Debatten auslösen.