Es mag zweifelhaft sein, von vergangenen Ereignissen auf die Zukunft zu schließen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gab viele Theorien wie: Lena wird den Grand Prix gewinnen, weil oft Lieder siegen, die nur ein Wort als Titel haben – 2007 Molitva , 2008 Believe , 2009 Fairytale . Dagegen konnte man halten: Vor zehn Jahren gewann Fly on the wings of love. Und was sagt uns das jetzt?

Um kurz nach Mitternacht an diesem 30. Mai 2010 ist alles klar. Satellite , der deutsche Beitrag zum diesjährigen Eurovision Song Contest in Oslo, hat tatsächlich gewonnen. Hat favorisierte Konkurrenten wie Aserbaidschans Safura ( Drip Drop ) und das dänische Duo Chanée & N'Evergreen auf die Plätze verwiesen. Mit einem erfrischenden Auftritt hat Lena Meyer-Landrut ihren formidablen Sieg bei Unser Star für Oslo wiederholt, nach Deutschland nun auch das restliche Europa um den Finger gewickelt. Buchstäblich, denn kaum ein Land gab Lenas Song keine Punkte.

Damit hat Lena Geschichte geschrieben: Sie hat als erste gecastete Sängerin den Song Contest gewonnen und damit Deutschland den zweiten Sieg des Wettbewerbs beschert. Künftig wird man nicht mehr nur Nicoles Ein bisschen Frieden mit deutschem Erfolg beim europäischen Musikwettstreit verbinden.

Dass die 19-jährige Abiturientin aus Hannover hier möglicherweise doch gewinnen könnte, war in Oslo schon in den vergangenen Tagen zu spüren. Wenn man als Deutscher auf diversen Parties oder in der Innenstadt auf Grand-Prix-Fans aus anderen Ländern traf, hörte man ein "Ich mag euer Lied – ich denke, das wird gewinnen". Äußerte man darauf Skepsis, erhielt man mitunter fragende Blicke: Natürlich sei Lenas Lied ein Mitfavorit auf den Sieg.

Auf diesen Parties lief natürlich die diesjährige Songauswahl rauf und runter – doch besonders groß war der Jubel stets, wenn die ersten markanten Töne von Satellite erklangen. Britische Buchmacher, die vorab Wetten auf den Grand-Prix-Sieger annahmen, hatten Lena schon vor Wochen an die Spitze gesetzt. Auch die in Oslo akkreditierten Journalisten und Fans tippten Satellite auf Platz 1. Ein norwegischer Journalist verstieg sich vor wenigen Tagen gar zu der Bemerkung, wir Deutschen könnten uns doch schon mal Gedanken machen, in welcher Stadt der Grand Prix 2011 ausgetragen wird.

Nur Lena und das deutsche Team hatten sich bis zuletzt cool gezeigt. Noch am Freitagnachmittag entgegnete Lena auf die Aussage eines deutschen Journalisten, ob Deutschland denn überhaupt je den Wettbewerb gewinnen könnte, wenn es nicht einmal sie es schaffe: "Ich bin doch nicht Gott." Und ihr Mentor Stefan Raab gab sich stets locker und bekräftigte, man strebe einen Platz unter den ersten Zehn an.

Jetzt, da der Sieg errungen ist, hat die Delegation der ARD auch prompt keine Antwort auf die Frage parat, wo denn nun der nächste Grand Prix ausgetragen werden solle: In Berlin? Oder in Hamburg, dem Sitz der für den Song Contest zuständigen ARD-Station NDR? "Es gibt viele schöne Städte in Deutschland", mehr wollte der NDR-Intendant Lutz Marmor in der nächtlichen Pressekonferenz nicht sagen. Viel wichtiger war der Delegation, mehrfach kundzutun, dass Lena am späten Sonntagnachmittag in Hannover auf dem Rathausmarkt empfangen werde. ARD und ProSieben werden am Nachmittag eine Sondersendung schalten.

"Eines haben die Grand-Prix-Zuschauer sehr deutlich gemacht: Sie wollen tanzen", schrieb das norwegische Boulevard-Blatt Verdens Gang schon nach dem ersten Halbfinale am vergangenen Dienstag, als einige Balladen auf der Strecke blieben. Das Finale zeigte ein ähnliches Bild: Ruhige Songs wie das der Irin Niamh Kavanagh oder des norwegischen Sängers Didrik Solli-Tangen erhielten wenige Punkte, Tanzbares landete vorn.