An dem Tag, als Eric Clapton und Steve Winwood in Berlin spielten, wurde Marcel Reich-Ranicki 90 Jahre alt . Im ZDF - Frühstücksfernsehen erklärte Frank Schirrmacher den Jubilar zum Mitglied einer Trinität der greisen Weisen. Gerade in Krisenzeiten verlangten die Deutschen nach lebenserfahrener Orientierung, wie Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker und Reich-Ranicki sie zu geben wüssten.

Dies bedenkend, sitzen wir am Aufmarschweg zur Berliner O2-Arena und erleben die Wallfahrt der Altrocker. Pilgerscharen von Endvierzigern, Mittfünfzigern, Jungsechzigern fluten nach Friedrichshain. Der Strom nimmt kein Ende, aber er hat ein Ziel: den Gral und seinen Hüter. Das Zentralinstrument des Rock'n'Roll ist die Gitarre und der Gitarrenpräsident heißt Eric Clapton. 1945 geboren, wurde er vom Fanvolk auf Lebenszeit gewählt und amtiert seit den Tagen der Superband Cream. Also schon über vier Jahrzehnte. Eine Ewigkeit.

Das ist absurd für Popmusik, die Volkskunst beständig wechselnder Gegenwart, doch Eric Clapton spielt klassischen Rock, mithin Anti-Pop. Die Musikkritik ignoriert Clapton längst oder schmäht ihn als Schlaftablette und Versace-Rocker. Was vermag das gegen ausverkaufte Hallen? Was gilt Kritik gegen Volkes Stimme? Letztere spricht aus unserem Konzert-Nachbarn, einem prallen Bouletten-Berliner. Seine Begleiterin, Typ solariumsgebackene Altbraut, darf an diesem Abend viel über Männermusik lernen. Das Saallicht verlischt. Volkes Stimme brüllt: "Jetzt wird’s geil!" Und dann beginnt die Show.

Die Show? Fünf saloppe Männer betreten beiläufig die Bühne und ergreifen Instrumente. Zwei Frauen begeben sich an Background-Mikrofone. Clapton hebt knapp die Hand, sagt "Guten Abend", schlägt den ersten Akkord. " Had To Cry Today! ", schreit Volkes Stimme. "Jenau wie uff der Platte!" Lautstark erfährt Nachbars Dame, der zweite Gitarrist sei Steve Winwood, mit dem Clapton bei Blind Faith gearbeitet habe. Dies ist, nicht zu vergessen, ein Doppel-Star-Konzert. Auch Winwood (Jahrgang 1948) residiert im Adelsregister des britischen Rock; einst galt er als dessen Wunderkind. Traffic hieß seine Band. Sie schuf hippige Rockgespinste wie Rainmaker , 40.000 Headmen , The Low Spark Of High-Heeled Boys , die Winwoods geschmeidiger Soul-Tenor zu Seelengrabschern machte.

Clapton war und blieb Bluesmann. Nachzulesen ist das in seiner 2007 erschienen Autobiographie Mein Leben . Clapton spielte mit den Yardbirds Blues und stieg aus, als sie Pop fabrizieren wollten. Pop fand Clapton verächtlich, besonders die Beatlemania, "weil es nur zeigte, dass die Menschen folgsame Schafe waren". Die Beatles hielt er zunächst "für einen Haufen Wichser". Jung-Dylan kam nicht viel besser weg. Claptons Helden waren schwarze Blues-Veteranen, seine nächste Station hieß John Mayall, der "Father of British Blues". Von Mayall schied Clapton im Argen, als er mit Jack Bruce und Ginger Baker Cream formierte, die Urmutter aller Power-Trios. Cream trug Clapton Weltruhm ein. Dann erschien Jimi Hendrix auf Erden und stahl ihnen die Show.

Cream, so empfand es Clapton, verkamen zu lärmender Egomanie. Drei selbstgefällige Virtuosen produzierten Leerlauf. Jetzt formierte er mit Baker, Rick Grech und dem Wunderkind Steve Winwood die nächste Superband, Blind Faith, die nach nur einem Album die Hufe hob. Viel besser als das eigene Ensemble gefiel nämlich Clapton seine Tour-Vorband, Delaney, Bonnie & Friends, aus der dann Derek & The Dominos entstanden.
Und so fort. Clapton veröffentlichte kontinuierlich Platten; die besten sind Co-Produktionen mit B.B. King und J. J. Cale, die Claptons Hang zum sterilen Perfektionismus konterkarieren.

Winwoods Oeuvre ist viel schmaler; sein jüngstes Solo-Werk Nine Lives klingt ähnlich geputzt wie manch jüngere Clapton-Produktion. Mit Sorge kauften wir 2009 Clapton/Winwoods Live From Madison Square Garden (als DVD) und wurden angenehmst enttäuscht, wie schon 2005 vom Cream-Reunion-Konzert in der Londoner Royal Albert Hall. Viel voller und reifer klang nun die alte Musik – souverän überarbeitete Texturen, die freilich nicht mehr Sturm und Drang erzeugten, sondern kulinarischen Genuss.

 

So auch dieses Konzert. Clapton & Winwood durchreiten einen Parcours klassischer Stücke, die Volkes Stimme, unser Nachbar, der Liebsten annonciert: die Blind Faith-Hymnen Well All Right, Presence Of The Lord, Can´t Find My Way Home , Claptons rastlosen Blues Key To The Highway, Layla als gepflegten Shuffle sitzend dargeboten auf Akustik-Klampfen. "Anschnallen!", kommandiert der Nachbar, "jetzt kommt Gimme Some Lovin´ ! Danach gibt´s uff de Ohren, Voodoo Chile , Gitarrengewitter, Jimi lässt grüßen!" "Schatz", spricht Nachbars Gebräunte. "O Schatz, du kennst wohl alles?" "Logo", sagt Schatz. "Ick hab die janze Playliste im Kopp! Pass uff, dann kommt Cocaine ."

So geschieht es. Ein schöner Abend: vertraute Gefühle, gesetzte Atmosphäre in bestuhlter Riesenhalle. Intakte Stimmen, delikate Gitarren, wohltemperierte Schweineorgel. Clapton & Winwood bieten verlässliches Behagen – wie gutes Essen, Tschechow im Deutschen Theater, ein Wochenende auf Hiddensee. Zum Schluss, nach zwei Stunden, dankt Clapton knapp; die Band wird nicht vorgestellt. Eine Zugabe: Traffics Dear Mr. Fantasy .

Jawohl, ein schöner Abend. Und doch …Was störte? Der Nachbar-Proll? Die Monsterhalle, atmosphärisch ein Geschwisterkind des Berliner Hauptbahnhofs? Das allzu Gediegene der Kunst? Vielleicht am ehesten die Altersgenossenschaft, diese erschlagende Menge von Frühsenioren. Und doch war viel Wärme im Saal, und Dankbarkeit. Noch stehen altvordere Helden wie Clapton und Winwood Schildwacht vor unserer Generation, fast wie es die Eltern taten oder tun, oder Marcel Reich-Ranicki, Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt. Was ist in zehn Jahren? Mit Clapton & Winwood? Mit uns?
Demnächst kommt John Mayall. Der ist zwölf Jahre älter als Clapton.