Was war das nur für ein Auftritt, dachte sich mancher der nach Oslo gereisten Journalisten, als Stefan Raab, Lena Meyer-Landrut und das deutsche Grand-Prix-Team am 22. Mai, eine Woche vor Lenas Sieg beim Eurovision Song Contest, ihre erste Pressekonferenz vor Ort gaben. Nicht wenige waren etwas bestürzt: Wie unsympathisch präsentierten sich denn Lena und ihr Mentor vor der versammelten internationalen Presse!

Wenig charmant bügelte die 19-Jährige da Fragen zu ihrem Privatleben ab, ein norwegischer Reporter wurde abgewatscht mit " What a stupid question !" Lena antwortete auf Fragen mit Gegenfragen, und der norwegische Moderator der ESC-Pressekonferenzen, Christian Strand, biss bei ihr auf Granit, als er – wie bei den anderen 38 Teilnehmern – darum bat, den eigenen Beitrag vor den Journalisten a cappella anzustimmen: Lena weigerte sich als einzige. In Deutschland hatte man Lenas unkonventionelle Art und ihren Umgang mit der Presse bereits kennengelernt, doch auf Journalisten aus anderen Ländern wird Lena hier etwas arrogant gewirkt haben – "ist sie immer so zickig?", fragt ein schwedischer Reporter nach der Pressekonferenz einen deutschen Kollegen.

Doch für Stefan Niggemeier zeigt gerade dieses Auftreten, dass hinter Lena und ihrem Erfolg beim Grand Prix eben keine ausgefeilte Medienstrategie steckt. "Im Kern ist Lenas Natürlichkeit echt. Ich glaube nicht, dass Stefan Raab das mit ihr einstudiert hat", meint der Medienjournalist, der in Oslo dabei war und darüber im Videoblog oslog.tv berichtet hat. Raab lasse seine Zöglinge durchaus "so, wie sie sind".

Dass bei manchem Pressevertreter ein leicht negativer Eindruck entstanden sein könnte, will Niggemeier nicht bestreiten. "Ich fand es hingegen sehr angenehm, dass Lena Medienrituale durchbricht und den Zirkus damit auf gewisse Art bloßstellt", sagt der Journalist. Geschadet haben der 40-Minuten-Auftritt vor der Presse und womöglich kritische Berichte darüber zumindest nicht, wie wir inzwischen wissen. Letztlich haben sich Millionen TV-Zuschauer von Albanien bis Finnland von Lenas Charme und Natürlichkeit auf der Osloer Bühne anstecken lassen.

Doch wie echt ist diese Spontaneität wirklich? Wie glaubwürdig etwa Lenas Aussage am Montag nach ihrem ESC-Sieg in Köln, "ich mache keine Pläne. Wenn Pläne da sind, dann präsentieren wir auch Pläne"? Ihrem Mentor eilt nicht gerade der Ruf voraus, planlos zu agieren. Im Gegenteil. "Stefan Raab überlässt nur wenig dem Zufall", sagt Joan Kristin Bleicher. "Der Erfolg von Lena beruht auf einem authentischen Gesamteindruck, aber die Authentizität ist zumindest in weiten Teilen inszeniert."

Damit widerspricht die Medienwissenschaftlerin der Universität Hamburg Niggemeier. Sie verweist etwa auf die "Lena-Cam" in Raabs ProSieben-Show TV Total , "die echte Blicke in Lenas Garderobe vorgaukeln sollte, aber natürlich nur Inszenierungen zeigte". Niggemeier dagegen ist fast erstaunt, dass sich die 19-Jährige angesichts des Rummels noch so viel von ihrer Natürlichkeit bewahrt habe.

Raab schirmt allerdings konsequent sein Privatleben vor den Medien ab und hat ganz offensichtlich auch seinem jüngsten Grand-Prix-Spross Gleiches geraten. Ob sie einen Boyfriend habe, wollte etwa ein ausländischer Reporter in Oslo von der Hannoveranerin wissen – kein Kommentar. Immerhin: Als vor allem die norwegische Klatschpresse sich das Traumpaar Lena und Vorjahressieger Alexander Rybak herbeisehnte und -schrieb, spielte Lena das Spiel mit und scherzte etwa in der Pressekonferenz nach ihrem Sieg, sie sei ja schon seit mehreren Jahren mit Rybak zusammen und kommende Woche erscheine ihre gemeinsame CD.