ZEIT ONLINE: Herr Ashkenazy, Sie setzen sich seit vielen Jahren für den Bau eines Konzertsaales in der isländischen Hauptstadt Reykjavik ein. Schwierig in diesen Zeiten. Was hat Sie dazu bewogen?

Vladimir Ashkenazy: Ich habe 1984 ein Konzert mit dem Londoner Philharmonia Orchestra in Reykjavik dirigiert, in einer Sporthalle! Einen richtigen Konzertsaal gab es dort nicht. Für die Musiker war der Auftritt wegen der schlechten Akustik eine furchtbare Erfahrung. Sie beschlossen daher, sich für den Bau einen Konzerthauses in der Stadt zu engagieren. Im Februar 1985 haben wir dann in London ein Benefizkonzert gegeben, zu dem auch Prinz Charles und seine damalige Frau Diana kamen. Es hat allerdings noch viele Jahre gedauert, bis das Projekt tatsächlich in Angriff genommen wurde. Inzwischen sind die Arbeiten fast abgeschlossen, im nächsten Mai soll Eröffnung sein. Ich werde mit dem Iceland Symphony Orchestra Beethovens Neunte aufführen.

ZEIT ONLINE: Das Konzert- und Konferenzzentrum Harpa wird vom isländischen Staat und der Stadt Reykjavik finanziert. Die globale Finanzkrise hat das Land aber an den Rand des Bankrotts getrieben. Wie hat sich das auf das Projekt ausgewirkt?

Ashkenazy: Die privaten Sponsoren sind alle abgesprungen. Die Regierung hat dann die Finanzierung allein übernommen. Das war eine weise Entscheidung. Hätte sie das Projekt gestoppt und später wieder aufgenommen, wäre alles viel teurer geworden. Ich weiß die Haltung der Regierung in diesen Zeiten sehr zu schätzen. Für die Kultur wurden an anderer Stelle Opfer gebracht. Natürlich gab es auch Proteste von Leuten, die unter der Krise stark gelitten haben.

ZEIT ONLINE: Sie hatten sich seinerzeit auch für einen neuen Konzertsaal in Luzern eingesetzt, der dann von Jean Nouvel entworfen wurde.

Ashkenazy: Das ist ebenfalls eine lange Geschichte. Ende der siebziger Jahre zog ich mit meiner Familie in die Schweiz. Der alte Konzertsaal in Luzern war so eng, dass ein großes Sinfonieorchester kaum auf die Bühne passte. Die Kontrabassisten wussten oft nicht, wo sie ihre Instrumente hinstellen sollten. In einem Interview sagte ich damals, dass ich nicht verstünde, warum ein kulturell und materiell so reiches Land wie die Schweiz den Luzerner Festwochen, einem der wichtigsten Musikfestivals Europas, keinen besseren Saal bieten konnte. Auch hier dauerte es aber noch viele Jahre, bis Sponsoren das nötige Geld zusammengebracht hatten. Zugunsten des Kultur- und Kongresszentrums (KKL) gab ich zwei Benefizkonzerte.

ZEIT ONLINE: Mit solchen Initiativen können Künstler wie Sie die Kulturförderung wesentlich vorantreiben.

 


Ashkenazy:
Alle Musiker, denen viel an ihrer Arbeit liegt, sollten öffentlich sagen, was sie denken. In London, einer der bedeutendsten Musikstädte der Welt, gibt es immer noch keinen erstklassigen Konzertsaal. Die Akustik der Royal Festival Hall ist zwar inzwischen verbessert worden, doch das Ergebnis ist immer noch unbefriedigend. Das Barbican Centre hat einen kleineren Konzertsaal, in dem die Klangqualität ebenfalls nicht besonders gut ist. Und die Royal Albert Hall ist ein ganz problematischer Fall. Die Finanzkrise ist sicherlich nicht der Hauptgrund, weswegen kein neuer Saal gebaut wird. Auch vorher ist kein solches Projekt realisiert worden. Das ist eine Schande, denn die Londoner Orchester sind fantastisch und die Briten ein sehr musikliebendes Volk.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihre internationale Karriere als Pianist in der damaligen Sowjetunion begonnen. Seit mehreren Jahrzehnten feiern Sie auch als Dirigent weltweit Erfolge. Wie bringen Sie beides in Einklang?

Ashkenazy: Man muss alles sehr gut planen, dann lässt sich beides ohne weiteres miteinander verbinden. Allerdings gebe ich seit einigen Jahren keine Solo-Recitals mehr. Mit meinen Söhnen Vovka und Dimitri, einem Pianisten und einem Klarinettisten, führe ich aber hin und wieder Kammermusik auf. Klavier spiele ich täglich und nehme auch CDs auf, wie vor Kurzem die Einspielung von sechs Bach-Partiten für Klavier.

ZEIT ONLINE: Hat das Dirigieren ihr Klavierspiel beeinflusst?

Ashkenazy: Nein. Ich habe mich schon als junger Mensch intensiv mit sinfonischen Werken beschäftigt. Damals habe ich sogar häufiger Orchesterkonzerte als Klavierabende besucht. Wenn die große Sinfonik also mein Klavierspiel geprägt hat, ist dies schon damals geschehen. Als ich zu dirigieren begann, war ich außerdem schon weit in den Vierzigern. Natürlich entwickelt man sich sein ganzes Leben lang weiter. In so einem Alter ändern sich die grundlegenden Vorstellungen von Musik aber nicht mehr so sehr.

ZEIT ONLINE: Was ist Ihnen aus Ihrer Zeit als junger Pianist in der Sowjetunion besonders in Erinnerung geblieben?

Ashkenazy: Musiker waren damals privilegiert, wir lebten sozusagen auf einer glücklichen Insel. Das kommunistische Regime kontrollierte Musikschulen und Konservatorien weniger streng als andere Kulturinstitutionen. Man hat uns nicht vorgeschrieben, wie wir Beethoven, Brahms oder Tschaikowsky interpretieren sollten. Dem Regime kam es vor allem darauf an, dass wir erste Preise bei internationalen Wettbewerben gewannen, um den Ruf der Sowjetunion zu stärken. Ansonsten wurden wir in Ruhe gelassen. Schriftsteller wurden dagegen viel schärfer überwacht. Man konnte nicht sagen und schreiben, was man dachte, ohne Repressalien befürchten zu müssen.

ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie die heutige Musikkultur in Russland?

Ashkenazy: Die Künstler leben jetzt viel freier als früher und können reisen, wohin sie wollen. Viele junge Musiker ziehen allerdings ins Ausland, weil sie dort besser ausgebildet und gefördert werden. Da der Staat wenig in die Kultur investiert, sind die Konservatorien und Musikschulen schlecht ausgestattet. Auch der beste Konzertsaal in Moskau, der große Saal des Konservatoriums, ist in einem beklagenswerten Zustand. Dennoch geben die russischen Musiker und Orchester immer ihr Bestes. Davon bin ich sehr beeindruckt.