ZEIT ONLINE: Frau Argerich, auf der Konzertbühne, wie gerade beim Verbier-Festival, verausgaben Sie sich bis zur Erschöpfung. Im realen Leben sind Sie scheu und geben so gut wie nie Interviews. Warum sprechen Sie so ungern über Musik?

Martha Argerich: Ich spreche ungern, das ist wahr. Auch mit anderen Musikern spiele ich lieber zusammen, als gemeinsam über Musik zu reden. All die Erklärungen, zum Beispiel, warum man dies oder jenes macht, brauche ich bei der Kammermusik überhaupt nicht. Und den Leuten, mit denen ich spiele, geht es genau so.

ZEIT ONLINE: Im Informationszeitalter wird mit Erläuterungen gemeinhin nicht gespart ...

Argerich: Es gibt Leute, die erläutern ständig, welches Projekt sie gerade haben, was sie als nächstes tun wollen und welchem Konzept sie folgen. Doch so etwas kann sich auch als sehr unpraktisch erweisen. Vor allem, wenn man die musikalischen Projekte erläutert hat und am Ende etwas ganz anderes dabei herauskommt. Manchen Leuten geben solche Gespräche sicherlich sehr viel Inspiration und sie haben konkrete Bilder vor Augen. Rostropowitsch war zum Beispiel solch ein Typus Mensch.

ZEIT ONLINE: Warum konnte der große Cellist Mstislaw Rostropowitsch Ihrer Meinung nach über Musik sprechen?

Argerich: Weil er eine solch ausdrucksstarke Imagination hatte. Deswegen war er auch ein fantastischer Lehrer. Man merkte, welche kraftvollen, musikalischen Bilder er vor Augen hatte. Das ist natürlich für die Zuhörer sehr interessant. Aber es ist auch etwas anderes, wenn manche Leute nicht exakt über die Musik sprechen, sondern um das Drumherum. Ich hatte bis jetzt das Talent dazu noch nicht, vielleicht kommt es ja noch. Ich lehre auch nicht in dem Ausmaß, wie Rostropowitsch das getan hat.

ZEIT ONLINE: Sie sind eine begnadete Schumann-Interpretin. Woher rührt Ihre Liebe zu diesem Romantiker?

Argerich: Ich liebe Schumann, aber ich kann gar nicht erklären, wo diese Liebe herkommt. Oft habe ich das Gefühl, meine Liebe zu ihm ist so groß, dass sie nicht nur die Musik sondern auch die Person Schumanns umfasst. Es ist eine tiefe Beziehung der besonderen Art. Seine Musik berührt mich so stark und direkt. Es ist schwierig für mich, das in Worte zu fassen, ich kann das nur in Tönen sagen.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen die theoretische Beschäftigung mit Musik?

Argerich: Ich habe Musiktheorie in Argentinien studiert. Leider nicht genug, wie ich finde. Es ist wichtig. Viele Sachen sind klarer, wenn man den Stoff kennt.

ZEIT ONLINE: Hilft das, sich von den einzelnen Komponisten ein spezifisches Bild zu machen?