Jeder, der den Begriff Volkslied hört, glaubt zu wissen, was damit gemeint ist. Den meisten Menschen wird eine ganze Reihe von Volksliedern in den Sinn kommen – oder zumindest ihre erste Zeile: Ein Jäger aus Kurpfalz, Ännchen von Tharau, Sah ein Knab ein Röslein stehn...

Doch gerade wenn man nach den Ursprüngen forscht, stellt man fest: Das Volkslied gibt es als solches gar nicht. Es ist ein Konstrukt, eine Bildungsidee, eine Zuschreibung, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Gemüter bewegt und zuweilen zum Singen, aber vielleicht öfter noch zum Nachdenken, Lesen und Schreiben herausgefordert hat. Wie ist das zu verstehen?

Es handelt sich hierbei um ein besonderes Problem der modernen Geistes- und Kulturgeschichte: Erst mit der aufgeklärten und romantischen Verzauberung von Natur und Volk wird das Volkslied ge- und erfunden. Das "Volkslied" ist zunächst eine poetische und poetologische Idee, die von Gebildeten entfaltet wird. Johann Gottfried Herder beispielsweise meinte, dass "Poesie und insonderheit Lied im Anfang ganz volksartig d.i. leicht, einfach, aus Gegenständen und in der Sprache der Menge" gewesen sei.

Hier wird also eine artifizielle Ästhetik des Einfachen entworfen, die mehr nach Gelehrtenschweiß und Tinte als nach Kuhstall riecht. Diese Tendenz zur Bildungsbürgerlichkeit und Gediegenheit setzte sich im frühen 19. Jahrhundert fort: Die Sammlung Des Knaben Wunderhorn war bereits als Buch so teuer, dass von Volkstümlichkeit keine Rede sein konnte, ganz abgesehen davon, dass die Herausgeber vornehmlich auf schriftliche Quellen und zuweilen kuriose Altertümer zurückgegriffen haben und nicht auf die Liedkultur der damaligen Bevölkerung.

Zu den Romantikern gesellten sich bald – unter der Einwirkung des Historismus des 19. Jahrhunderts – die Philologen und Editoren, welche die Deutungsmacht über das Volkslied beanspruchten. Diese Forscher gingen zum Teil auch aufs Land und fingen an, Lieder zu sammeln. Oder sie beauftragten Lehrer und Pfarrer, alte, schöne und mündlich überlieferte Volkslieder aufzuklauben. Freilich verdiente in deren Perspektive nicht alles, was tatsächlich gesungen wurde, aufgezeichnet zu werden. Nicht zu frivol, nicht zu politisch, nicht zu städtisch: Gesucht wurden diejenigen Zeugnisse einer ländlichen Kultur, die angeblich oder tatsächlich dem Untergang geweiht war.

Und so kann man die Volksliedidee auch als eine Antwort auf eine Modernisierungskrise lesen: Gebildete und städtische Schichten, von den sozialen und kulturellen Zerwürfnissen ihrer Zeit angekränkelt, warfen einen nostalgischen Blick auf die gute alte Zeit, auf die Idylle auf dem Lande, auf junge Landmädchen und Senner in Spinnstuben und auf Almen.

Von Schlagern und Gassenhauern, der modischen Musik des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, wollten die Volksliedsammler hingegen nichts hören, noch viel weniger hielten sie von der Errungenschaft des Grammofons. Ganz im Gegenteil, ihr Ziel war es, in gutgemeinter pädagogischer Absicht, das Volk mit dem Verlorengeglaubten wieder zu beglücken: vornehmlich durch die Arbeit von Gesangsvereinen und durch die Schule, die zum Teil bis heute Volkslieder als wertvolles und spezifisch deutsches Kulturgut weitervermitteln will.

Um nicht missverstanden zu werden: Mit diesen ein wenig zugespitzten Bemerkungen werden das Volkslied und die Bemühungen seiner Anhänger, es zu sammeln und zu dokumentieren, nicht diskreditiert. Es nötigt Respekt ab, wie etwa John Meier Anfang des 20. Jahrhunderts mit damals modernsten empirischen Mitteln das Deutsche Volksliedarchiv aufgebaut hat, auch wenn sein ganzes Unternehmen kulturkritisch und politisch konservativ grundiert war. Und selbstverständlich ist damit kein ästhetisches oder gar moralisches Verdikt über diejenigen Produkte ausgesprochen, die wir im Alltag Volkslieder nennen und möglicherweise gerne hören, lesen oder singen. Aber eine Gattungsgeschichte des Volksliedes bleibt immer eine Geschichte der Zuschreibungen, eine Geschichte des Umgangs mit der Idee Volkslied.

Wer nun meint, diese Dekonstruktion sei eine neumodische Erfindung von postmodernen Kulturwissenschaftlern, die gerne mit Begriffen jonglieren und sich in unfruchtbaren Diskursen verlieren, dem sei ganz altertümlich ins Stammbuch geschrieben, was der Literaturhistoriker Max Kommerell bereits vor achtzig Jahren festgestellt hat: Das Volkslied ist zunächst ein Begriff, und als Begriff ist es eine Erfindung. Weder zur Minnesang- noch zur Luther- noch zur deutschen Barockzeit sprach jemand von Volksliedern. Ein Zweifler würde sagen: Herder hat nicht nur den Namen, Herder hat auch die Sache erfunden. Aber zu wissen, wie sich in diesem Fall Fund zu Erfindung verhält, das wäre kein zu verachtender Aufschluss über das Werden deutscher Liedkunst.

Michael Fischer forscht am Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg im Breisgau.