Ibiza im November. Joachim Kühns Haus steht auf einer Klippe über dem Meer. Der Blick aus dem Musikzimmer schweift über die glitzernde Weite und die Schemen einer dunstverhangenen Bergkette. Viele, viele Notenblätter auf dem Flügel, daneben stehen ein Schlagzeug und vier Saxofone. An den Wänden, wie im ganzen Haus, hängen seine Bilder. Notenbilder, abstrakte Partituren, gemalte Musik.

ZEIT ONLINE: Herr Kühn, Ihr Soloalbum Snow in the Desert , war in den achtziger Jahren in fast jedem Plattenschrank zu finden. Nun haben Sie eine komplette Box mit sechs Soloalben veröffentlicht, eine Essenz Ihrer Arbeit der vergangenen Jahre. Wie sind diese Aufnahmen entstanden?

Joachim Kühn: Im Jahr 2005 lernte ich hier auf der Insel den Maler Robert Arató kennen, der in seinem Atelier einen der weltweit besten Flügel stehen hat, einen Bösendorfer Imperial. Er hat den ganzen Raum mit Mikrofonen ausgestattet und bot mir an, jederzeit zu kommen, um Aufnahmen zu machen. Wenn ich beim Spielen zu Hause das Gefühl hatte, ich bin in Form, auch nachts, konnte ich ihn anrufen, er stimmte den Flügel, und nach einer Einspielphase ging es los. Dadurch sind in den letzten fünf Jahren so viele Aufnahmen entstanden, dass ich das Gefühl hatte, ich möchte nicht nur eine Soloplatte herausbringen, sondern eine Box. Die größte Arbeit war, alles noch einmal konzentriert zu hören und eine Auswahl zu treffen.

ZEIT ONLINE: Was ist das Besondere an diesen Aufnahmen?

Joachim Kühn: Sie sind in einem Fluss durchgespielt, es gibt keine Schnitte, keine Nachbearbeitung. Die Musik ist ganz pur. Ich wollte tief in die Musik hineingehen. Perfektion ist der Killer der Musik.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie sich vorbereitet? Sind es Kompositionen, Skizzen oder ganz frei improvisierte Stücke?

Joachim Kühn: Zwei CDs von der Box sind komplett frei improvisiert, auf den anderen sind Kompositionen. Ich komponiere jeden Tag, wenn ich am Strand spazieren gehe oder mit dem Ausblick hier. Dazu brauche ich kein Klavier, ich habe die Musik im Kopf. Ich entwerfe ein Programm mit jeweils zehn bis zwölf Stücken, für die Aufnahme bereite ich mich dann vor und nehme es in einem Durchgang auf. Manche Stücke sind genau notiert, manche nur skizziert oder ganz frei. Originalkompositionen und Trance-Improvisationen. Es geht mir in der Musik mehr um eine Stimmung, einen Fluss. Dabei geschieht alles ohne Zwang, das ist die größte künstlerische Freiheit.

ZEIT ONLINE: Sie haben viele Jahre mit dem Free-Jazz-Saxofonisten und Improvisator Ornette Coleman gearbeitet, der kaum mit Pianisten spielt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und wie hat sich dadurch Ihr Zugang zur Improvisation verändert?

Joachim Kühn: Ich lernte Ornette Coleman Anfang der neunziger Jahre durch meine Pariser Agentin kennen, als er drei Wochen in Paris verbrachte, um eine Ballettmusik zu schreiben. Sie spielte ihm eine meiner Platten vor und danach lud er mich spontan ein, mit ihm in Verona zu spielen, in einer Arena mit 12.000 Leuten, in der sonst die großen Opernaufführungen stattfinden. Wir spielten im Duo, also ganz vereinsamt, ganz klein. Irgendwie mochte Ornette das, und so fing es an. Er hat mich danach mehrmals im Jahr aus Ibiza nach New York eingeflogen und einen Steinway Flügel gemietet. Wir spielten jeweils eine Woche lang vierzehn Stunden am Tag. Ornette hat mich auch wieder auf Bach gebracht. Man muss mal die Komplexität von Bach mit den Harmonien des Great American Songbook vergleichen, immer acht Takte, die dann gleich wiederholt werden, dieses Schema lehne ich ab. Durch Ornette bin ich Ende der Neunziger auf mein eigenes Improvisationsschema gekommen, das Diminished Augmented System .

ZEIT ONLINE: Sie haben dieses System erstmals 1999 auf Ihrem gleichnamigen Album vorgestellt. Worum geht es dabei?