Die Sprache ist das impressionistischste aller Instrumente. Es reicht ein Wort, seine Andeutung, bisweilen gar dessen Erwartung. Ein paar Brocken Arabisch, und die Flughafensicherung meldet Alarmstufe drei. Zwei Silben aus Holland, und wir fühlen uns benebelt. Etwas Kiswahili, und unser Helfersyndrom erwacht. Nirgends aber schaltet die Assoziation schneller auf Automatik als beim Lieblingsnachbarn: Ein Hauch Französisch, und alles wird Musik.

Denn wer bitte denkt beim ersten frankophonen Ton nicht an Chansons im Bistro, an Edith Piaf, Gilbert Bécaud, Françoise Hardy oder, vom Boulevard verordnet, Carla Bruni? Klischees sind eben funktionale Wunderkinder, das weiß auch der Kölner Labelbetreiber Rolf Witteler. Mit seinem Kollegen Oliver Fröschke gibt er darum Le Pop heraus, einen Sampler, der alle Vorurteile vom Gesangsoufflée an Akkordeonschaum widerlegt und festigt zugleich. Auch die sechste Ausgabe zeigt, wie breit sich Frankreichs Musik derzeit fächert, am Ende aber eines bleibt – Chanson.

Rekorder - Rekorder: Zaz mit "Je veux"

Neochanson immerhin, wie er seit seiner Renaissance vor acht Jahren heißt. Doch auch er pflegt das tradierte Spiel der Empathie, die schon seine Wurzeln kennzeichnete, das permanente Involviertsein ins Dargebotene, als sei jede Strophe ein Bekenntnis zu irgendwas und als gehe es spätestens im Refrain ums Ganze (im Zweifel: um die Liebe). Das ist nun weniger eine Sache des Anspruchs als der Rezeption, macht eine Frage aber nur interessanter. Warum Le Pop zehntausendfach pro Folge verkauft wird, was deutsche Frankophilie antreibt, was wir also, in einem Wort, an Frankreich so lieben: Das ist doch mal der Überlegung wert.

Eine stellt Rolf Witteler selbst an. "Jede Sprache produziert spezifische Melodien", sagt er und ernennt Cœur de Pirate, den Shootingstar der Nouvelle Chanson, zur Kronzeugin. "So lyrisch, romantisch, so vokalbetont", beschreibt Béatrice Martin das Potenzial ihrer Musik. Mit ihrem Piratenherz tourt sie europaweit durch volle Säle. Wer dabei ist, ahnt, dass es um mehr als Lieder geht: Halbkörpertätowiert sitzt die 21-Jährige am Piano und lässt das urbane Partyvolk kurz innehalten. "Keine Ahnung, wovon sie singt", schrieb der amerikanische Klatschblogger Perez Hilton nach einem Konzert, "aber es ist wunderschön".

Denn die Franko-Kanadierin legt jene brüchige Eleganz über ihre Balladen, die französischer Vokalisation so oft zu eigen war, aber eines Epochenwechsels bedurfte, um seine Vielschichtigkeit zu belegen. Schließlich war Chanson selbst im Mutterland irgendwann bloß noch Schlager; erst mit Serge Gainsbourgs Tod 1991, glaubt Oliver Fröschke, konnten seine Nachfolger "eine eigene Definition von Populärmusik formulieren". France Gall oder Guesch Patti hatten zwar zuvor ein frankophones Comeback, das trotz der Sprache jedoch im Achtziger-Mainstream diffundierte. Die Nouvelle Scène Française dagegen schuf im Sog mutiger Labels von Lithium bis Tôt Ou Tard ein kollektives Lebensgefühl, dem sich die verschiedensten Genres zugehörig fühlen konnten.

 


So wurde Familie, was gar nicht verwandt ist. Auf dem fabelhaften Sampler Le Nouveau Rock’n’Roll Français harmonieren Indie-Bands wie Volt, Blutt, Prototypes und Genau mit ihrem Elektroclash, Psychobeat, Mädchenrock oder Postpunk, als käme alles aus demselben Proberaum. In der Elektroecke mixen Daft Punk, Justice, Phoenix oder Alex Gopher auch ohne Sprachklammer sonderbar herkunftsspezifisch die Stile. Nique Ta Mère hassen heftiger als der härteste US-Hatecore und teilen mit MC Solaars Soft-Hip-Hop, den Gangsta-Rappern Sexion D’Assault, den Skapunks Keimsa, selbst mit dem Politfolk von Mano Negra eine Art Lässigkeitsgen. Und bei Le Pop? Da steht der dynamische Countrysound Tom Poissons gleichberechtigt neben Caracols Offbeat-Ethno, Holdens Minimaldisco oder Mathieu Chedid, der als "M" mit großer Popgeste Müslimonster besingt.

Mit dem alten Chanson hat das nur atmosphärisch zu tun. Und falls sich Jérôme Minière trotzdem dazu bekennt, fiepst garantiert ein Cypress-Hill-Sample durchs Piano; wo Keren Anns Indiepop einlullt, legt sich eine wirre Gitarre darunter; wenn Jeanne Cherhal Engelsflügel wachsen, wird aus ihr eine Angry Young Woman. Das Geheimnis des Neochansons: Alles klingt seltsam nach Oldie, der – schon früher aus der Zeit gefallen – nun sein Revival im neuen Kleid erlebt, das dennoch irgendwie futuristisch wirkt.

Zu dumm, dass nur ein Bruchteil der Musik in Deutschland erhältlich ist; schätzt man doch gerade hier französische Töne. Davon zeugt Cœur de Pirate ebenso wie der Gypsy-Jazz einer ZAZ. Sehnsüchtig blicken wir also oft in die nahe Ferne, die der Schwere des Lebens mit kreativer Leichtigkeit begegnet und selbst im winterlichen Generalstreik fröhlich das Privatauto zum Busersatz erklärt. Um dieses Savoir Vivre hat schon der altdeutsche Flickenteppich vereinzelter Dichter und Denker heimlich die Kulturnation beneidet und tut es noch heute. Diese entspannte Hinwendung zum Barocken, Unproduktiven, zum Schick! Und dann diese Sprache! Das Essen! Die Anmut! Wenn Deutsche eine Französin malten, verpassten sie ihr nie Turnschuhe, sondern ein Chanelkostüm und Monsieur diesen androgynen Charme kontrollierter Männlichkeit, dunkel und verträumt.

Frankreich gilt nun mal als Land des Augenlächelns, das beim Grand Prix unverdrossen Lieder voll Selbstbewusstsein, aber ohne Siegchance vorträgt. Chanson – ob neo, nouvelle oder uralt – gilt links des Rheins auch beim jungen Publikum als Selbstverständlichkeit, als Genre für alle. Und Deutschland? Hat Volksmusik.