Da hat Holger Noltze eine ordentliche Debatte losgetreten. Musikvermittlung, findet er, grob zusammengefasst, richte mehr Schaden an als sie nutze, weil sie komplexe Klassik zu mittelmäßigem Mainstream versimplifziere.

Wenn es darum geht, Kinder mit Musik in Kontakt zu bringen, wird auch Noltze nicht fordern, dass es gleich der große, der ganze Beethoven sein muss. Sein Vorschlag, Musikvermittlung müsse auch ein "Trainingsprogramm in Komplexitätstoleranz" sein, bedeutet hier wohl: Ansatzpunkte finden, um neugierig zu machen auf mehr.

Tonträger, die sich an Kinder und Jugendliche richten, gibt es eine ganze Menge. Musikverlage wittern Taschengeld und Geschenke-Budgets. Schon wieder eine Einladung zum Kindergeburtstag – was mitbringen? Ein Buch? Gähn. Lieber eine CD. Mit Klassik für Kinder lässt sich ein Distinktionsgewinn erzielen: Mir doch egal, ob Ihr Balg die Scheibe hört, aber sehen Sie mal, wie gebildet wir sind, dass wir so was schenken!

Musikvermittlung für Kinder ist immer auch Marketing . Wenn das aber schon mit dem Kauf des Tonträgers sein Ziel erreicht hat, ist es schlechtes Marketing. Nur wenn das Format die Faszination Musik vermittelt, gewinnt der Markt einen künftigen Kunden für CDs, Konzertkarten, Instrumentalunterricht. Man sollte also meinen, pädagogische Qualität müsste auch das Ziel der Vermarkter sein.

Doch etliche Produktionen sind nichts als Repertoire-Zweitverwertung unter bunterem Cover. Auf Mozart for Kids oder 100 Best Children's Classics sind dann Papapapapapageno drauf, Karneval der Tiere und Hummelflug , Schwanensee -Schwänchen, ein paar Gymnopédies . Solche Produktionen entstehen aus einem Denkfehler. Wenn der Nussknacker Kinder fasziniert, dann zuallererst wegen Mäusekönig und Zinnsoldaten, wegen Handlung und Bühnengeschehen. In Leopold Mozarts Kindersinfonie erklingen infantile Instrumente aus dem Berchtesgadener Land des 18. Jahrhunderts.  Was soll ein Großstadtkind des 21. Jahrhunderts ohne Anleitung damit anfangen?

Das Paradebeispiel dafür, wie es anders geht, ist die Reihe Der Holzwurm der Oper erzählt. Da unterhalten sich der in den Kulissenbalken lebende Titelheld und seine Freundin Motta Della etwa darüber, was Puccinis La Bohéme von den Werken Verdis unterscheidet oder warum Die Zauberflöte eine Märchenoper ist. Voller Witz, unheimlich dicht und in einem atemberaubendem Tempo, das konzentriertes Zuhören voraussetzt. Nur die Musik rutscht darüber manchmal etwas in den Hintergrund.