Herr Einaudi, Ihre Musik wird als Jazz bezeichnet, als Ambient, als Pop, als Minimalismus – wie nennen Sie sie?
"Sie haben Klassik nicht erwähnt. Aber ich klebe Etiketten lieber auf Weinflaschen."

Ludovico Einaudi verbringt viel Zeit auf dem Weingut seiner Familie in der Toskana, wenn er nicht auf Tournee ist. Bis vor ein paar Jahren war er eher ein Studiotüftler, hat Filmsoundtracks komponiert und Musik für Tanztheater. Erst sein Album Le Onde (Die Welle) eröffnete ihm Ende der neunziger Jahre eine Karriere als Interpret seiner eigenen Werke, Solo am Piano oder mit Ensembles und Live-Elektronik. Außer in Italien hat er vor allem in Großbritannien viele Fans, wo der Radiosender Classic FM ihn entdeckte und die Musik seines Albums Divenire (2007) den Weg in den Soundtrack zu Film und Fernsehserie This Is England fand.

"Man muss über die Bedeutung der Etiketten reden. Mozart oder Chopin haben improvisiert, ein Konzert von Mozart selbst würde uns vielleicht an Keith Jarrett erinnern. Die Wiederholung als zentrales Gestaltungselement wie im Minimalismus gibt es auch schon bei Bach. Mein Hintergrund ist klassisch, aber ich habe früh Rock gehört, Pop, Volksmusik. Warum sollte ich irgendeine Musik, die ich mag, aus dem herauslassen, was ich mache?"

Der 55-Jährige mit der Halbglatze, das stoppelkurze Resthaar früh ergraut, sitzt in schlichtem Schwarz, Sakko über dem T-Shirt, solide Schuhe, am Steinway. Er spielt ruhig, ohne auftrumpfende Gesten. Ein paar Mal im Konzert plaudert er über die Entstehungsgeschichte des Stückes, das er gleich spielen wird, vorbereitete Texte, manchmal ein wenig angewürzt mit Kommentaren zur Stadt, zum Ambiente. Einaudi gibt sich bescheiden, zurückhaltend. Dass er gerade Vater geworden ist, mag ihm im Innern Freude bereiten, mitteilen muss er es nicht.

Herr Einaudi, viele Menschen finden Ihre Musik beruhigend, sie gibt ihnen Frieden, inspiriert sie. Woran liegt das?
"Ich interessiere mich nicht für Musik, die einfach nur unterhalten will. Ich mag es, wenn Musik in die Gefühle, in die Leben von Leuten eindringt."

Das scheint zu funktionieren. Auch gerade in Deutschland: volle Konzertsäle mit einem begeistertem Publikum, das sich Zugabe um Zugabe erjohlt. Einaudis Musik bewegt. Dabei ist sie nicht weltbewegend: kleine musikalische Gedanken, man darf ruhig Floskeln zu ihnen sagen, mäandern repetitiv durch die Harmonien, gern in Dur-Moll-Wechseln oder in schillernden verminderten Akkorden. Kaum hat sich so eine musikalische Figur vorgestellt, hat sich ein bisschen gedreht und gewendet und man denkt, so, jetzt kann's richtig losgehen mit der motivischen Arbeit – kommt ein Schnitt, und das nächste Mini-Thema ist da.

Und nicht etwa, um mit dem ersten in Dialog zu treten. Nach ein paar langsamen Pirouetten ist es auch schon wieder weg. Dass Einaudi ein Stück meist nach sechs, sieben Minuten beendet, scheint willkürlich zu sein: Er könnte auch den ganzen Abend lang diese kleinen, unprätentiösen Skizzen aneinander reihen. Tempo und Lautstärke bleiben im gedämpften bis mittleren Bereich. Der linken Hand des Pianisten Einaudi gibt der Komponist Einaudi wenig zu tun. Einmal bedient er damit den iPod, der verfremdete Klaviertöne abspielt.