Leere Konzertsäle, der blanke Horror. Mit hektischer Betriebsamkeit versuchen die einen, den Untergang der Klassik zu verhindern. Die anderen, mit ihren gefüllten Opernbühnen und ausverkauften Eventkonzerten, lehnen sich selbstbewusst zurück.

Dass die mangelnde Vermittlung klassischer Musik an die kommenden Generationen irgendwann einmal zum Knall führt, ahnte man schon lang. Jetzt ist die Krise allgegenwärtig. In der Klassikszene rumort es kräftiger, als manchem lieb sein mag. Wenn ein zeitgenössischer Komponist wie Moritz Eggert in dieser Situation "einen radikalen Schnitt" einfordert, ist das nur eine logische Konsequenz. Doch das Neue wagen, damit die Klassik Jung und Alt wieder begeistert? Liegt die Verantwortung im Privaten, bei den Schulen, der Politik oder den Künstlern?

Lange hielten sich die Musikschaffenden und Interpreten im Hintergrund dieser "Operation Klassik". Nun ergreifen sie vermehrt das Wort, treten ans Rednerpult oder in die Schulen. Das Konzerthaus Dortmund etwa verpflichtet in seiner Konzertreihe Junge Wilde die Künstler, am Tag des Konzertes eine Schulklasse zu besuchen. Die Erfahrungen sind dabei so komplex wie das ganze Problem der Vermittlung.

"In einer Kreuzberger Hauptschule treffe ich hauptsächlich auf Kinder mit Migrationshintergrund, die unsere westlich geprägte, klassische Musik nicht kennen", sagt die Sopranistin Annette Dasch. "Wenn ich dann anfange zu singen, finden sie das höchst kurios." Die Sängerin weist die Kinder auf die Musikangebote des Jugendheims in ihrer Umgebung hin. "Ich erkläre ihnen auch, dass es neben dem großen kommerziellen Popbereich noch die Klassik gibt, für die der Staat wahnsinnig viel Geld ausgibt. Und dass niemand einen Profit auf ihre Kosten macht, wenn sie eine Karte kaufen. Das zieht, weil es den Kindern noch keiner vorher erzählt hat."

Der Pianist Martin Stadtfeld geht eigene Wege der Vermittlung. Er lässt sich nicht beeindrucken von pädagogischen Ansätzen, in denen Klassik für Jugendliche als leicht und zuckerig wie Popcorn-Kino dargestellt wird. "Ich spiele ihnen die Präludien vor, in denen sich so viel ausdrückt, und erzähle etwas über Bachs Biografie. Gerade bei trauriger Musik ist es immer wieder beeindruckend, welchen Effekt man bei Kindern erzielt. Oft wird versucht, sie zu begeistern, indem alles ganz lustig, fetzig und cool sein muss. Dies ist nach meiner Erfahrung völlig falsch", sagt Stadtfeld.

Mit dieser Beobachtung aus dem künstlerischen Alltag ist er nicht allein. Auch sein Kollege Götz Schumacher, ein Teil des Klavierduos GrauSchumacher, vermisst die Voraussetzungen für eine anspruchsvolle Auseinandersetzung: "Ich beobachte ganz häufig bei Kindern und Erwachsenen, dass sie immer und überall unterfordert werden, aus Angst, man könnte zuviel von ihnen verlangen, und sie blieben dann weg. Wenn wir ein klassisches Konzert mit zeitgenössischer Musik geben und die Zuhörer das sinnvolle Programm sehen, sind sie immer begeistert und lassen sich ansprechen – und Kinder sowieso", sagt Schumacher. "Ich ärgere mich über die sich anbiedernden Kinderkonzerte, wo es um Klamauk und Quatsch geht, aber überhaupt nicht um das Substanzielle, das diese Musik ausmacht."

So haben GrauSchumacher Projekte für Kinder aus der Taufe gehoben, in denen die Kleinen den Flügel erleben und bespielen können. "Vermittlung ist zunehmend eine Aufgabe der Interpreten." Die Schulen übernähmen dafür keine Verantwortung mehr, weil das Fach Musik keine Relevanz fürs Versetzungszeugnis mehr habe. Auch Erwachsenen will Götz Schumacher zusammen mit der KörberStiftung das Großartige an der Musik vermitteln: "Bei unserem Projekt 2 x hören ist es unser Programm, zuerst das Werk zu spielen, dann eine Stunde darüber zu sprechen, es durch einen Musikwissenschaftler zu analysieren und es dann noch mal zu spielen. Das ist eine ganz neue, fantastische Konzertform, die sich nur noch auf ein einzelnes Stück konzentriert, weil die Analyse und die Vermittlung im Mittelpunkt stehen."