Unter Chorsängern, vor allem Amateuren, wird der Name Eric Whitacre gehandelt wie ein zwar noch als Geheimtipp geltender, aber schon reichlich überlaufener Urlaubsort. Er ist mit 41 Jahren einer der wenigen lebenden Komponisten, deren Werke regelmäßig aufgeführt werden, nicht nur im Klassik-Radio. Warum eigentlich? "Ich habe vor allem Glück, dass ich zur richtigen Zeit geboren bin, zu einer Zeit, in der die Leute diese Art Musik gern hören. 1962 zum Beispiel hätte ich damit keine Chance gehabt", sagt Whitacre.

"Damit", das ist weitgehend tonale, zugängliche Musik. Kritiker attestieren Whitacre "konfliktfreie Harmonik" bis "hübsche Harmlosigkeit". Er selbst sagt: "Meine wohl wichtigsten Einflüsse sind Debussy, Ravel, Poulenc, überhaupt viele französische Komponisten, aber auch John Adams und Arvo Pärt. Und Björk oder Radiohead." Die New York Times hörte eher "einen jüngeren, hipperen Andrew Lloyd Webber, mit leichten Anklängen an Bernstein und Sondheim". Da ging es aber um sein Musical Paradise Lost , eine Science-Fiction-Manga-Electronica-Oper.

Dass Whitacre sich so erfolgreich auf Chöre spezialisiert hat, nennt er Zufall: "Ich ging auf dem College, mit 18, in den Chor, weil ich Mädels kennen lernen wollte. Hat auch funktioniert." Seine heutige Ehefrau, die Grammy-gekrönte Sopranistin Hila Plitmann , traf er aber später, als beide an der edlen Juilliard School of Music in New York studierten.

"Eines Tages wachte ich auf und war Chorkomponist", sagt Whitacre. Nicht nur das: Für das Blasorchester seiner ersten Alma Mater, der University of Nevada, Las Vegas, schrieb er Godzilla Eats Las Vegas , mit ironischen Anspielungen auf Hollywood-Soundtracks, Geräuscheffekten und der Anregung an die Musiker, Elvis-Kostüme zu tragen. Damit hat er es auf den Spielplan von Blasorchestern am Bodensee und im Vorspessart geschafft.

Whitacres Werke sind sicherlich keine Avantgarde – aber auch kein billiger Kitsch. "Ich versuche, Musik zu komponieren, die ehrlich ist, strukturell solide, gut geschrieben. Ich habe das Bild eines Schwans im Kopf, der scheinbar mühelos über den See gleitet, doch unter Wasser paddeln fleißig die Schwimmfüße", sagt er.

Auch die Interpreten haben zu strampeln: Clusterklänge stören die gefällige Harmonik, der Chor muss sich in ein gutes Dutzend Stimmen aufteilen. Zum Ausgleich liegen große Teile in jenen Lagen, die für einen typischen Alt, Sopran, Tenor oder Bass angenehm zu singen sind. Es macht halt Spaß, wenn es gut klingt.

 


Die Musik allein ist aber nicht spektakulär genug, um Whitacre so beliebt zu machen, dass Decca ihm einen langfristigen Vertrag gegeben hat und sein neues Album es an die Spitze der US-Klassikcharts schaffte. Sicher hilft, dass er aussieht wie Keanu Reeves in blond. Aber vor allem bloggt er und twittert und meldet sich mehrmals am Tag auf Facebook bei den Fans, die er mit " hey gang " begrüßt.

Eric Whitacre ist ein Kommunikationsgenie, auch in seinen zahlreichen Workshops. Die Sopranistin Leonie Renwrantz hat ihn im Dezember erlebt, als er in Hamburg ihren Chor dirigierte, I Vocalisti . Sie bescheinigt ihm "Charisma und ansteckende Begeisterung", eine "natürliche Art" und vor allem Humor. "Früher war ich als Dirigent sehr fordernd", sagt Whitacre, "aber ich habe gemerkt, wenn ich mich verspanne, tun es auch die Sänger, und das ist schlecht für den Klang. Heute geht es mir weniger darum, meine Interpretation durchzusetzen, als darum, die Sänger zu bewegen, ein Ensemble zu sein". Also erklärt er mehr, als er vorschreibt, hofft auf Verständnis, nicht Gehorsam.

Da ist Whitacres medienwirksamstes Projekt nur die logische Fortsetzung: der virtuelle Chor. 2009 bekam er ein YouTube-Video , in dem eine junge Frau den Sopran-Part aus seinem Chorstück Sleep sang. Das brachte ihn auf die Idee, per Internet weitere Sängerinnen und Sänger einzusammeln. Sie sollten zur 2006 aufgenommenen, ausschließlich mit Whitacres Werken bestückten CD Cloudburst des britischen Ensembles Polyphony singen, die es in die Top Ten der Klassik-Charts geschafft und eine Grammy-Nominierung geerntet hatte.

Für das Folgeprojekt mit Lux Aurumque ging Whitacre weiter: Er nahm ein Video mit detaillierten Anweisungen zu Aussprache und Intonation auf und dirigierte dann in völliger Stille. Dazu sangen 185 Teilnehmer daheim an den Bildschirmen. " Das Ergebnis war sehr musikalisch und sehr bewegend", sagt Whitacre.

Jetzt war wieder Sleep an der Reihe, diesmal unter Anleitung . Gerade war Zählschluss: 2051 Stimmen aus 58 Ländern. Keine einzige, sagt Whitacre, werde weggeworfen. Falsche Töne ließen sich gnädig in den Hintergrund mischen. Im Frühling soll das Ergebnis zu sehen und zu hören sein.

Wie kann es künstlerisch befriedigend sein, wenn der eigene Einfluss mit dem Hochladen eines Dirigier-Videos endet? Tut es nicht, sagt Whitacre: "Das sind fünf Minuten Musik, aber es dauert Monate, sie aufzuführen. Denn ich verbringe eine Menge Zeit im Netz, ermutige die Teilnehmer – es ist eine völlig andere Art, das Ergebnis zu beeinflussen, als beim herkömmlichen Dirigieren." Eben Gotthilf Fischer reloaded.