Beim ersten Mal haben wir es voll versiebt. Dabei hatten wir die Entbindung unserer Ältesten so gründlich vorbereitet. Auch die Musik, die wir "unter der Geburt", wie die Hebammen das immer nennen, zu hören gedachten, war sorgfältig ausgesucht. Nach viel Kopfzerbrechen hatten wir ein Dutzend CDs beisammen. Und vergaßen sie zu Hause, als die Wehen begannen.

Glaubt man der Propaganda, mit der Kranken- und Geburtshäuser um die Gunst werdender Eltern buhlen, ist das Gebären zwischen naturfarben lasierten Wänden bei romantischem Salzleuchtenlicht zu entspannenden Duftlampenschwaden ein Kinderspiel. Um den passenden Soundtrack abzuspielen, hält die gynäkologische Abteilung eine High-End-Stereoanlage bereit – oder einen tragbaren CD-Player, je nach Krankenkassenstatus.

Die Wandfarbe ist spätestens bei der dritten Presswehe egal. Gebärende verzichten dankend auf duftgeschwängerte Atemluft, schwanger waren sie selbst lang genug. Aber die Musik – könnte die nicht doch den Vorgang beschleunigen? Eltern entspannen, Erdneulinge ans Licht der Welt locken?

Und kürzt gar gezielte Mozartbeschallung vor, während und nach der Niederkunft den selbstverständlich vorgezeichneten Weg des noch nicht ganz Geborenen zur Hochbegabung ab? Das behaupteten doch US-Wissenschaftler . Aber werden Kinder wirklich schlauer, weil sie den Mutterkuchen zu Mozartmelodien mampfen – oder bringen Mütter, die ihren Babybauch in eine Mozartkugel verwandeln, die besseren Gene, das hirnfreundlichere Familienumfeld mit?

Es gibt dezente Hinweise, dass Musik hilft, Synapsen zu knüpfen, aber der Neuronenbeschleuniger packt eher Kinder, die schon geschlüpft sind. Und ob ausgerechnet Mozart anders wirkt als, sagen wir, Bach oder John Cage, ist ohnehin schwer umstritten . Cages 4'33 allerdings dürfte pränatale Connaisseure eher kalt lassen.

Wir jedenfalls testeten den Mozart-Effekt ebenso unfreiwillig wie vergeblich. Weil wir ohne CDs im Kreißsaal landeten, mussten wir mit der kargen Sammlung des Hospitals vorlieb nehmen. Enya kam nicht in Frage. Dass Music To Be Born By vom Grateful-Dead-Schlagzeuger Mickey Hart stammt, wussten wir nicht – aber auf die Improvisationen zu Herztönen seines damals ungeborenen Sohnes Taro konnten wir gut verzichten, die kamen live aus dem Kardiotokografen.

Blieb also Mozart. Zwar können wir über die intellektuellen Leistungen des Ergebnisses nicht meckern, aber die Diagnose Hochbegabung blieb uns bisher erspart, auch wenn wir uns wohl zum bildungsaffigen Milieu zählen lassen müssen. Eine Neigung zu klassischer Musik hat unsere Tochter ebenso wie der Zweitgeborene, an dessen Entbindungssoundtrack wir uns nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich war's nur der Herz-Wehen-Schreiber. Eigentlich müsste unser Sohn Fan von Aphex Twin sein.