ZEIT ONLINE: Herr Kramarz, vor zwei Jahren war zuletzt von Gary Moore zu hören: Ein Gericht entschied, er habe seinen größten Hit Still Got The Blues geklaut . Sie waren Kronzeuge im Plagiatsprozess . Wie betrachten Sie die Angelegenheit im Rückblick?

VolkmarKramarz: In meinen Augen haben ihn schlechte Berater in einen blödsinnigen Prozess getrieben, den er sofort mit einem knappen Vergleich hätte beilegen können. Dabei, kein Mensch hat jemals daran gezweifelt, dass nur er dieses Stück hat berühmt machen können. Aber dummerweise hatte er das Thema 1974 in Deutschland aufgeschnappt. Die Indizien waren eindeutig. Er geriet in Finanznot, musste seine Gitarre verkaufen und Touren absagen. Da kamen unglückliche Zufälle und Pech zusammen. Rückblickend auf die Tragödie würde ich sagen: lieber musizieren als streiten. Ich denke, da würde er mir zustimmen.

ZEIT ONLINE: Sie haben ihn 1974 in Deutschland kennengelernt und seither seine Karriere verfolgt. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Kramarz:
Er war ein Musikerkollege aus England, genauso jung wie wir, gerade mal über 20, ein guter Gitarrist. Wie wir alle hatte er eine schöne Gibson-Gitarre und kein Geld, keine Band und keine rechte Zukunftsplanung. Aber das war uns damals alles egal, wir waren jung, fröhlich und sehr engagiert, was Musikmachen betraf.

ZEIT ONLINE: Gary Moore hatte bei der irischen Bluesrockband Skid Row gespielt und war gerade bei Thin Lizzy rausgeflogen. Whisky In The Jar war damals Programm?

Kramarz: Als ich ihn kennenlernte, war er sehr dem Alkohol zugeneigt. Es war schon in diesen jungen Jahren erkennbar, dass er es nicht leicht hatte mit dem Leben, seinem Talent und all den Leuten um ihn herum.

ZEIT ONLINE: Lag es daran, dass er vielleicht gar kein Gruppenmensch war, sondern eher ein Solist?

Kramarz: Er war extrovertiert und sehr dominant, tonangebend. Er wollte im Vordergrund stehen. Das heißt aber nicht, dass er kein Gruppenmensch war. Er konnte absolut freundschaftlich und solidarisch sein.

ZEIT ONLINE: Erst in den Neunzigern war er dann als Solist richtig erfolgreich. Still Got The Blues erschien 1990 und schaffte es gleich ins ewige Kuschelrock-Archiv.

Kramarz: Er war schon 1974 ein guter Musiker, kannte die wichtigen Leute und war Teil der Londoner Szene. Nummer-Eins-Hits, große Öffentlichkeit – das war überhaupt nicht wichtig. Wir wussten immer, dass er ganz oben dazugehört.

ZEIT ONLINE: Woher hatte er den Blues?

Kramarz: Er hat sehr akribisch an seinem Ton, an seinem Ausdruck gearbeitet. Ich fragte ihn einmal: "Wie kommst Du eigentlich zu diesem wunderbaren Fingervibrato?" "Das musst Du üben!" sagte er. Er war sehr fleißig, diszipliniert und talentiert, das alles zusammen formt den Großen. Und er hatte diese wunderbare Gitarre von Peter Green.

 

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie Gary Moores Stil beschreiben?

Kramarz: Eric Clapton sagte einmal auf die Frage "Was hast Du, was andere nicht haben?": "Wenn ich vor 1000 Leuten spiele, jubeln alle. Wenn Du das tust, jubelt keiner." Gary Moore konnte auf eine Bühne gehen und das Publikum für sich einnehmen. Es war nicht nur seine unglaubliche Virtuosität, sondern er hatte diese Gabe, Menschen spontan beeindrucken zu können. Das habe ich überall erlebt. Als wir mal im Musikgeschäft Verstärker getestet haben, als wir in kleinen Clubs waren, oder wenn wir mit Freunden zusammensaßen, und er Gitarre spielte.

ZEIT ONLINE: Als Musikwissenschaftler können Sie vielleicht einschätzen, was er zur Popgeschichte beigetragen hat.

Kramarz: Er war nie wirklich innovativ, er hat ausgearbeitet. So geriet er zwar nach seiner Hard-Rock-Phase irgendwann in den Retro-Bereich, aber er spielte auch wirklich mit den alten Helden zusammen, er erinnerte an Peter Green von Fleetwood Mac und an längst vergangene Zeiten. Er ist ein gereifter Darbieter der Musik, die eigentlich Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger gemacht wurde. Er hat den Blues-Boom aufgegriffen, erhalten und wahrhaft perfektioniert.

ZEIT ONLINE: Nach Still Got The Blues wurde es still um ihn. Was hat er in der Zeit gemacht?

Kramarz: So weit ich weiß, hat er sehr akribische Stilstudien betrieben. Hat sich B. B. King angenähert. Hat tapfer versucht, mit John Mayall Kontakt aufzunehmen, hat mit George Harrison gearbeitet. Er intensivierte seine Kenntnisse. Dass das nicht immer gleich hitparadentauglich war, hat ihn wenig gestört. Ich denke, er hatte Ende der Sechziger seinen Stil gefunden und wollte ihn später bis ins Detail perfektionieren.

ZEIT ONLINE: Wie sollte er uns in Erinnerung bleiben?

Kramarz: Als ein warmherziger, impulsiver und unglaublich beeindruckender Gitarrist, mit dem viel vom Gefühl des englischen Blues-Booms der Sechziger verloren geht.

Volkmar Kramarz ist Musiker, Buchautor und lehrt Musikwissenschaft und Sound Studies an der Universität Bonn.