Woran liegt’s, dass ich dir nicht gefalle, singt Rudi Schuricke in zartem Tenor. Vom Schelllack ist längst der Staub geblasen, nun gefällt der Schlager von 1939 auch den Clubgängern. Der Chemnitzer Technoproduzent Andy Latoggo hat den Hit des Kurt Widmann Tanzorchesters in einen House-Track verwandelt.

Das Stück ist Teil einer Musikbewegung die sich in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebreitet hat und inzwischen mehr ist als ein kurzfristiger Hype: Im Electroswing stampfen Computer-Beats zu Benny-Goodman-Klarinetten, Frauenstimmen säuseln durch den Grammofon-Trichter, Fred Astaire steppt im Hip-Hop-Takt und Ray Charles’ Hit the Road Jack tanzt zu Drum'n'Bass.

Nun ist die Verbindung von Jazz-Elementen und Clubsounds keineswegs neu, schon in den Neunzigern arbeiteten Bands wie US3 oder der französische Produzent Ludovic Navarre alias St.Germain an ihrer Vorstellung von Dancefloor-Jazz, am besten zu hören auf Singles wie Flip Fantasia oder Rose Rouge. Doch es zogen nur wenige Musiker nach, Hits wie Get a Move on (Mr. Scruff) oder Doo Uap, Doo Uap (Gabin) blieben Einzelfälle, ansonsten fand die Nujazz-Bewegung in erster Linie in den Sitzecken der Kaffeehausketten statt.

Anfang 2011 sieht die Situation anders aus. Jazz- und Swing-Samples sind in der Clubszene an vielen Ecken zu hören, man feiert Partys im Stil der dreißiger Jahre, Jazzmusiker treten gemeinsam mit Technoproduzenten auf, und gerade hat ein Swing-Klassiker von Renato Carosone weltweit die Hitparaden gestürmt, nachdem ihm das australische Duo Yolanda Be Cool & Dcup einen elektrifizierten Tanzanzug verpasst hatte (We No Speak Americano).

Wie so oft in der Entstehungsgeschichte neuer Genres spielt London eine wichtige Rolle, aber auch aus dem jazzaffinen Paris kommen einige der neuen Produktionen. "Vor zehn Jahren gab es vielleicht drei, vier Acts, die diese Musik gespielt haben, heute sind es Hunderte auf der ganzen Welt", sagt Chris Tofu, der seit anderthalb Jahren im Londoner Book Club den Electro Swing Club veranstaltet. Auch die Burlesque-Welle habe zur Verbreitung beigetragen, sagt er: "Auf einmal war jeder verrückt nach den Zwanzigern und Dreißigern". Seine Clubreihe hat inzwischen Ableger in Paris und Zürich, in Berlin findet der Electro Swing Club im Festsaal Kreuzberg statt. Wo früher türkische Hochzeiten gefeiert wurden, stehen Swing-Bands und zigarrepaffende DJs auf der Bühne, zwischendurch zeigen Burlesque-Damen Pikantes. Auch auf der Tanzfläche geht's mondänder zu als sonst: Federboas, Perlenketten, weiße Hemden, Hosenträger, Zylinder und Stetson-Hüte beherrschen das Bild.