Vampire sind es nicht. Grinsende Kürbisse auch nicht. Eine Puppe auf dem dunklen Dachboden schon eher.

Wenn uns etwas unheimlich ist, dann, weil die vertrauten Dinge plötzlich verändert erscheinen. Das kann der morgendliche Kaffeesatz sein, in dem sich schaurige Gesichter zeigen. Der merkwürdige Schrank im Keller. Und der Teddy auf dem Regal – hat der nicht gerade geblinzelt? Wenn dazu noch beunruhigende Klänge aus den Lautsprechern kriechen, kann die Nacht lang werden. Denn auch die Popmusik lässt es neuerdings wieder kräftig gruseln. Das Unheimliche hat sich eingeschlichen.

Spätestens mit den Platten des britischen Dubstep-Produzenten Burial , den viel gelobten Debütalben von Fever Ray und Salem hat die Popmusik der digitale Spuk erfasst. Er lauert im Netz, wo immer wieder neue Schauermusik wie ein verirrter Poltergeist auftaucht. Foren und Blogs gleichen verwinkelten Kellern, bei denen hinter jeder Tür eine andere unheimliche Stilrichtung wartet. Über allem schwebt Witch House wie ein Hexenmeister. Vielfach totgesagt, hat sich das Genre längst mehrfach gewandelt. Nightmare Pop, Ghost Drone, Haunted House, Drag oder Zombie Rave heißen einige der Wiedergänger. Eines haben alle gemeinsam: Zum Tanzen sind sie denkbar ungeeignet.

Mit der Musik von Formationen wie White Ring , Balam Acab oder oOoOOO (sprich: Oh) ließe sich schon eher eine Séance oder ein gepflegter Exorzismus beschallen. Witch House, das ist Hip-Hop in Superzeitlupe, abgebremster House, Geräuschcollage und surrealer Black Metal in einem. Eckige Drones schaben wie eiskalte Finger über Dub-Beats und psychedelische Loops, während geisterhafte Stimmen rufen. Je nach Stilrichtung stolpert und schlurft der Rhythmus wie ein fußlahmer Untoter, dann wieder huscht er gespenstisch durch den Raum.

Es ist gar nicht so leicht, einen Überblick über die weit verzweigte Szene zu gewinnen: Kleinstlabels aus Houston oder New York gerieren sich wie geheimnisvolle Kultgemeinschaften. Künstler verbergen sich hinter kryptischen Symbolen und Runen wie ▼□■□■□■, ///???\\\ oder †‡†. Das erschwert die Suche im Netz, wo fast alle Bands und Künstler ihre Musik veröffentlichen, erzielt aber auch den gewünschten Verwirrungseffekt. Das geheimnisvolle Versteckspiel wirkt rätselhaft und anziehend zugleich.

Dazu gehört eben das Spiel mit mystisch-romantischem Zeichenwerk. Auch von Musik als Ritual und Alchemie ist die Rede. Musiker wie das Ghost-Drone-Duo Mater Suspiria Vision hantieren mit magischen Formeln, fügen allerlei okkulte Esoterik der Horror-Altmeister Kenneth Anger und Dario Argento hinzu und verwirbeln das Ganze mit trockenem Humor. Der bewahrt Witch House häufig davor, ins allzu Feierliche abzukippen.