Sir Simon Rattle mag München nicht. Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker gastiere mit seinem Luxusklangkörper lieber in Wuppertal, erzählt man sich. Nun, die Philharmoniker sind tatsächlich seltene Gäste in München. In den Jahren 2005 und 2008 war das mutmaßlich weltbeste Orchester zum letzten Mal zu Gast in der bayerischen Metropole, die sich gern rühmt, Europas Musikhauptstadt zu sein.

Rattle kommt nicht – eine Blamage für die kunstsinnige Landeshauptstadt, beherbergt sie doch selbst drei Spitzenorchester samt Hochglanz-Maestros: das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) unter Mariss Jansons, das Bayerische Staatsorchester unter Kent Nagano und die Münchner Philharmoniker unter dem scheidenden Chefdirigenten Christian Thielemann , sein Nachfolger wird der nicht minder berühmte Lorin Maazel .

Was München bislang fehlt, ist ein herausragender, akustisch optimaler und international konkurrenzfähiger Konzertsaal. Die Philharmonie im Münchner Gasteig, einer Kulturtrutzburg aus den Achtzigern , hat zwar schon manch glorreiche Konzerte, etwa unter dem legendären Klangmagier Sergiu Celibidache , erlebt. Doch so richtig glücklich ist niemand mit dem 2400 Sitzplätze umfassenden Riesensaal. Die Akustik gilt als suboptimal, nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Musiker auf dem Podium, die sich gegenseitig nicht richtig hören können. Deswegen macht Rattle um München einen Bogen. Sein verstorbener Kollege Leonard Bernstein soll sogar einmal für den warmen Abriss der Philharmonie im Gasteig plädiert haben: " Burn it! "

Auch der Herkulessaal in der Münchner Residenz kann nicht mithalten mit alten und neuen Sälen in Deutschland und ganz Europa. Als Referenz unter den Neubauten der vergangenen Jahre gilt der Saal in dem von Jean Nouvel geplanten Kultur- und Kongresszentrum im Schweizerischen Luzern (KKL). Von Künstlern und Musikkritikern wird er unisono gepriesen.

In Deutschland werden immer wieder das 2002 eröffnete Konzerthaus in Dortmund und die Philharmonie Essen, eröffnet 2004, als herausragende Beispiele zeitgenössischer Konzertsaalarchitektur angeführt. Sie sind, wie auch das wegen seines außerordentlichen Klanges hoch gelobte Festspielhaus Baden-Baden, nach dem Schuhschachtel-Prinzip gebaut. Eine einfache rechteckige Form mit dem Orchesterpodium an der Stirnseite gilt bei vielen Fachleuten als optimale Lösung, um eine Intimität des Klanges herzustellen. Die Zuhörer sollen das Gefühl haben, in einer Art Klangwolke oder einem Klangraum zu sitzen.

Genau dieses Gefühl von Nähe und Intimität stellt sich in der wie ein Fächer gebauten Münchner Philharmonie, wenn überhaupt, nur an wenigen Plätzen ein. Wegen der enormen Größe und Höhe des Raumes verliert man vor allem auf den weiter entfernten Plätzen den akustischen, optischen und emotionalen Kontakt zum musikalischen Geschehen auf der Bühne.

Der Münchner Bariton Christian Gerhaher , der viele Säle weltweit bereist und kennt, sieht dies auch als "demokratisches Problem". Alle Konzertbesucher sollten in gleicher Weise an der Rezeption eines Werkes teilhaben können.

Es muss aber nicht immer nur der Schuhkarton sein. So liegt das Podium in der von dem genialen Architekten Hans Scharoun erbauten Berliner Philharmonie mehr oder weniger im Zentrum des Saales. Die Zuschauerränge sind um das Podium herum wie Weinbergslagen angeordnet. Dieses Prinzip sorgt in Berlin an nahezu allen Plätzen für eine optimale Hörbarkeit und Transparenz des Klanges. Außerdem versperren nirgendwo Säulen oder ähnliche Stützelemente die Sicht aufs Orchesterpodium. Ganz ähnlich haben Herzog und de Meuron auch die Hamburger Elbphilharmonie konstruiert. Für optimalen Klang soll hier der japanische Akustik-Guru Yasuhisa Toyota sorgen.

Im Wettbewerb um die Touristenströme

Der Japaner hatte sich vor einiger Zeit auch erste Pläne für einen neuen Saal in München angesehen. Denn mit dem von Leo von Klenze erbauten Marstall hinter der Bayerischen Staatsoper im Zentrum Münchens schien ein geeigneter Standort für den Wundersaal schon gefunden. Doch Toyota befand in einem Gutachten, dass sich das Gelände für das Projekt aus akustischen Gründen nicht eigne. Mit Toyotas Absage an den Marstall schien der von vielen Musikfreunden erhoffte neue Musentempel erst einmal ad acta gelegt zu sein.

Erst im vergangenen Jahr nahm die Diskussion wieder an Fahrt auf, maßgeblich vorangetrieben von Mariss Jansons, der für sein BR-Symphonieorchester endlich eine feste Heimstätte fordert. Bislang vagabundieren die BR-Symphoniker nämlich heimatlos zwischen Herkulessaal und Philharmonie hin und her, ein unhaltbarer Zustand für ein Weltklasseorchester. Bayerns Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) will bis zum Jahresende ein belastbares Konzept für einen neuen Saal vorlegen. In zehn Jahren, sagt Heubisch, könne der Musentempel stehen.

Doch die Attraktivität einer Musikstadt steht und fällt nicht nur mit einem akustisch optimalen Raumangebot. Im Wettbewerb um die internationalen Touristenströme ist es auch wichtig, eine Marke mit Wiedererkennungswert zu etablieren. Darin ist Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Hamburger Elbphilharmonie und der historischen Laeizhalle, schon recht weit gekommen, obwohl das Haus noch gar nicht eröffnet ist.

Auch die Berliner Philharmonie ist unbestritten als Marke auf dem Klassikmarkt zu erkennen. "Wir sind nicht nur ein Konzertsaal", sagt Martin Hoffmann, Intendant der Berliner Philharmoniker und Hausherr von Philharmonie und dem direkt angrenzenden Kammermusiksaal. "Wir sind ein Zentrum für Musik, ein Haus, wo Musik verhandelt wird." Und zwar in ihrer ganzen Bandbreite von den Auftritten großer Orchester und Kammermusikensembles aus Berlin und aller Welt, über vielfältige Education-Programme bis hin zu Live-Übertragungen im Internet .

Die Münchner Klassikwelt dagegen wirkt stark zersplittert. Ein neuer Konzertsaal könnte das ändern, wenn man dort auch eine eigene Intendanz installieren würde oder sogar eine Art Generalintendanz, die die Aktivitäten der Münchner Philharmoniker, des BR-Symphonieorchesters sowie der privaten Konzertveranstalter in gewisser Weise koordiniert. Das dürfte allerdings schwer werden, weil die drei wichtigsten Akteure, Stadt, Freistaat Bayern und Bayerischer Rundfunk, bislang nicht an einem Strang ziehen. Münchens populärer Oberbürgermeister Christian Ude kämpft sogar ganz offen gegen den neuen Saal, weil er fürchtet, dass der die immer noch nicht abbezahlte Philharmonie kannibalisiert. Stattdessen möchte er die Philharmonie akustisch sanieren lassen. In jedem Fall will Ude für den neuen Saal kein städtisches Geld ausgeben. Es sei ja wohl verständlich, wenn die Stadt nicht "ihre eigene Konkurrenz" mitfinanzieren wolle.