Frage: Herr Niedecken, Ihr Lieblingsverein, der 1. FC Köln, hat nach einer guten Phase gerade einen Dämpfer beim HSV bekommen. War das 6:2 so ein Moment, in dem Sie sich gefragt haben: "Woröm dunn ich mir dat eijentlich ann?" So heißt ja ein Song auf dem neuen BAP-Album.

Wolfgang Niedecken: Nein, ich weiß ja, warum ich es mir antue. Deshalb ist es auch nicht mehr so schlimm. Die Antwort ist auch im Lied enthalten: "Jung, et jitt drei Sache, die söök sich keiner uss: Vatter un Mutter un – wat willste maache – dä Club, mit dem man leiden muss." Der letzte Teil ist mit Absicht auf Hochdeutsch, als Zeichen, dass es wirklich ernst ist.

Frage: Haben Sie noch Abstiegsängste?

Niedecken: Nein, denn furchtbar viele Punkte brauchen wir nicht mehr, um drinzubleiben. Das werden wir schon schaffen. Aber von alleine wird es nicht gehen. Das weiß die Mannschaft auch.

Frage: Das neue Album Halv su wild greift klassische BAP-Themen auf und bilanziert, genau wie ihre Autobiografie Für 'ne Moment . Wie lief die Rückschau?

Niedecken: An dem Buch habe ich zwei Jahre lang mit dem Literaturwissenschaftler Oliver Kobold gearbeitet. Er ist ein alter Freund. Und wenn du dein Leben umgräbst, stößt du auf einiges, das dir lange nicht mehr begegnet ist. Das hatte dann auch Auswirkungen auf die Texte des Albums. Diese Klassenarbeit "Welches Gedicht hat Sie in Ihrem Leben am meisten beeinflusst?" hatte ich zum Beispiel schon völlig vergessen. Ich habe Sympathy for the Devil übersetzt und interpretiert. Weil das im Buch auftauchte, kam ich auf die Idee, darüber auch mal einen Song zu machen. So sprangen die Themen immer wieder über.

Frage: Ein solches Thema ist Karneval, über den es ebenfalls ein Lied auf dem Album gibt. Sie galten lange als Karnevalshasser. Das hat sich kürzlich geändert.

Niedecken: Sehr sogar. In den 30 Jahren die seit dem Anti-Karnevals-Song Nit für Kooche vergangen sind, ist viel passiert. Zum Beispiel ist die Stunk-Sitzung gegründet worden. Da haben sich noch mehr Leute unwohl gefühlt mit dem bräsigen Vereinsmeier-Bonzen-Karneval. Teilweise hat sich das dann – ich will nicht zynisch sein – biologisch gelöst. Inzwischen ist da eine andere Generation verantwortlich, die zuletzt einen Rosenmontagszug ermöglicht hat, der thematisch fast schon grün ausgerichtet war. So was gab es früher nicht. Diese Veränderung muss man auch mal anerkennen.

Frage: Sie haben 2010 sogar einen Wagen des Rosenmontagszugs gestaltet.

Niedecken: Zwei! Der Leiter des Zugs, Christoph Kuckelkorn, hatte mir vorgeschlagen, einen Wagen zum Thema "Krisenkontinent Afrika" zu machen. Als ich sagte, ein einzelner Persiflage-Wagen ginge nicht, meinte er: "Dann machen wir eben zwei." Da war ich schachmatt. So entstanden dann Der Sponsor kütt , auf dem ein europäischer Geschäftsmann einen Koffer mit Bestechungsgeld an ein afrikanisches Präsidentenpaar übergibt. Der zweite Wagen hieß Weggezappt und thematisierte das Wegschauen des Westens. Für beide gab es viel Applaus. Zu mir kamen auch viele Leute, die sich freuten, dass der verlorene Sohn wieder zurück ist. Dieses Jahr bin ich sogar auf dem ersten Wagen mitgefahren.

Frage: Für Ihr Afrika-Engagement sind Sie, wie die Kollegen Bob Geldof und Bono, immer wieder als Gutmensch verspottet worden.

Niedecken: Das ist für mich das Unwort des ausgehenden 20. Jahrhunderts! Wer dieses Wort zückt, ist der tolle Hecht und der, der was ändern will, ist der Arsch. Unfassbar! Da schwingt immer der Vorwurf der Naivität mit und des nur Gut-Gemeinten als Gegenteil des Gut-Gemachten mit. Statt sich mit den Themen auseinanderzusetzen, wird viel Platz dafür verschwendet, Leute wie Geldof und Bono zu kritisieren. Ich lass mich da nicht mehr drauf ein.