Im Indierock Glaubwürdigkeit zu erlangen ist kompliziert. Rage Against The Machine mögen auch abseits der Musik gegen Staat und Kapital wüten – beim Soli-Konzert im autonomen Zentrum hat sich die Band für ihre männliche Attitüde zu rechtfertigen. Die Körper der Green-Day-Musiker sind von Skate-Unfällen und Nazi-Prügel gezeichnet – das Publikum mosert über MTV-Präsenz. Und Dylan? Der ewig Unantastbare legt Chinas Regime seine Playlist zum Abnicken vor. Pfui, Bob!

Drei Künstler, drei Beispiele, die zeigen: Wer das vorträgt, was man grob Protestsongs nennt, hat es beim Fan nicht zwingend leichter als beim Gegner. Auch in der Musik gilt zwar: Je höher der Druck von außen, desto größer der Zusammenhalt im Innern. Doch 20 Jahre nach Francis Fukuyamas These vom Ende aller Ideologie frisst die Revolution nicht nur ihre Kinder, es kommt zum Kannibalismus. Manu Chao ist doch bloß Folklore, heißt es sogar auf Seiten potenzieller Mitkämpfer. Diskurspop? Elitenbespaßung! Punk? Waren nicht die Sex Pistols gecastet ?

Und dann kommen drei deutschsprachige Alternative-Bands daher und tun, als seien sie gegen Konsum, Kapitalismus, militärisch-industrielle Komplexe, all so was. "Zackiger Zorn" titelte die Süddeutsche Zeitung anlässlich ihrer Platten und wurde im Text noch unfreundlicher zu Ja, Panik , Kreisky und 206 ( der SZ-Artikel vom 16. April ist leider nicht online zu finden ). Die neue Generation dissidenter Gitarrenbands sei so harm- wie haltlos. "Wie kann man mit so plumper pubertärer Wut so leicht durchkommen", fragt Jens-Christian Rabe. Und man möchte zurückfragen, wie alt der Autor wohl ist – so alt, dass er der haschduseligen Woodstock-Nostalgie nachhängt? Oder so jung, dass ihm jede Positionierung im postmodernen Positionseinerlei grundlegend suspekt ist? Aber Altersfragen sind polemisch.

Wichtiger ist, was der sprachbegabte SZ -Experte von den Gegenständen seiner Kritik eigentlich erwartet? Genauer: Wer war eigentlich besser als Rabes Antipoden, deren Alben im Feuilleton gerade für ein kurzes Gefühl sorgen, da begehre noch wer mit den Methoden des Rock auf? Die Deutschrockpoesie eines partiell widerständigen Udo Lindenberg etwa? Das kathartische Endzeitgewitter brachialer Thrash-Metal-Männerbünde von Sodom bis Slayer ? Der subtile Ungehorsam eines Manfred Krug, der seine Protagonisten am 1. Mai am Marx-Engels-Platz nach Liebe statt Sozialismus suchen ließ? Papas Rock-Around-The-Clock -Renitenz, zu der er so merkwürdig schweigt? Oder doch die ganz großen Vollzeitsystemverweigerer von Eisler bis Wader, Biermann bis Reiser, Busch bis Baez?

Jens-Christian Rabe legt die hohen Latten und misst die Nachwuchsrevoltierer an Tocotronic , Kristof Schreuf , Bob Dylan, dem vor allem. Während die ersten beiden dadurch Relevanz erzeugten, dass sie aus dem "Nein" des Punk ein surreales "Ja" texteten, sei die Generation Dylan, so suggeriert Rabe, bei allem Anti auch mal für etwas. Die aktuellen Alben von Kreisky ( Trouble ), 206 ( Republik der Heiserkeit ) und Ja, Panik ( DMD KIU LIDT ) dagegen seien immer bloß eins: dagegen.

Das mag aus kulturwissenschaftlicher Sicht tragfähig sein, im Rahmen der Musikkritik ist der Vergleich so statthaft wie zwischen, sagen wir: Thomas Müntzer und Andreas Baader. Die Protestebenen haben sich ja verschoben. Während der Politfolk einst Teil einer bewegten Zeit war, bewegt sich die Jugend heute lieber an der Wii. Während einst niemand gern darüber sprach, dass die Welt den Bach runter geht, tut es heute jeder – und macht weiter wie bisher. Zeitungen gehen Pleite, wo Lifestylemagazine florieren, RTL ist Marktführer, Apple sowieso, und die Ehe ist der Jugend wichtiger als Protest. Ist es da wirklich "wütend wie eine zerrissene Jeans", wenn drei Teenager den Perspektivenpool Spielkonsole und Spaß am Kapitalismus um plakative Konsumkritik erweitern, wie es das Elektroclash-Trio 1000 Robota tut? Jens-Christian Rabe findet schon.