Dabei ist in der Marktwirtschaft zwar viel von Umdenken die Rede; finanziert werden soll es mit mehr Binnennachfrage. Kein Wunder, dass Konsumkritik zur Dystopie verkommt. Wie sollen weltweit Windräder für den steigenden Energiebedarf wachsen, wenn die Rendite fehlt? Wütende Postpunks von Turbostaat bis Von Spar würden "Fickt euch!" grölen und daran erinnern, dass Geld nicht satt, sondern hungrig macht. Das aber würde Jens-Christian Rabe nur akzeptieren, wenn sie ab Strophe zwei ein Hegelsches System des Sittlichen entwerfen. Mindestens.

Konsumkritik ist die Atomkritik der Nachkriegszeit ist die Nationalismuskritik der Vorkriegszeit ist die Militarismuskritik der Kaiserzeit ist die Feudalkritik der Bismarckzeit. Je desperater abweichende Meinungen seiner Zeit sind, desto weniger können sie sich nun mal mit dezidierter Theorievermittlung aufhalten. Partisanen werden sich mit ihren Besatzern eher selten über die Zeit nach dem Häuserkampf austauschen. Und der faschistischen Kontinuität des Wirtschaftswunders kam man besser nicht mit Marcuse, Bloch, Marx. Die 68er schafften es parolenhaft pampig.

Denn Systemkritik hat den Nachteil, dass Systemkritisierte ihr nicht zuhören. Und da keiner (außer der CSU) behauptet, das Klima sei für radikale Gesellschaftsentwürfe günstig, wird auch keiner (außer der SZ ) behaupten, dass radikale Kräfte mit viel Gerede vorankämen. Soll man da die paar Wutbürger des Indierock der bloßen Pose verdächtigen, nur weil sie, wie Rabe fragt, "nicht Silbermond sind"? Die Antwort: Ja! Sie geben schließlich etwas auf. Erfolg etwa. Auch wenn Ja, Panik bisweilen radiotauglich klingen, beugen sie Verkäufen mit kryptischer Metaphorik vor. Wo Franz A. Wenzl, zersägt von Martin Offenhubers psychotischer Gitarre und Gregor Tischbauers trotzigem Bass, mit Wiener Schmäh singt, "Ich will gar nicht zu viel wissen / ich bin zugeschissen genug", ohne an anderer Stelle von Liebe zu schweigen, biedern sich Kreisky dem Kunden in etwa so charmant an wie feuchte Putzfeudel. Und 206, drei existenzialistische Avantgardepunks aus Halle, mögen gelegentlich ins Pathos verfallen – aber wo findet es denn statt? Vor der Suprakultur jener Hipster, die sich von Subkulturen die Accessoires klauen? Vor echten Punks (also nicht etwa der Sängerin Pink mit Sex-Pistols-Push-Up)? Auf autonomen Demo-Wagen? Nein, er tut es trotz lobender Kritiken (auch auf ZEIT ONLINE) vor zwei Dutzend Zuhörern im Nebenraum eines Hamburger Clubs. Pose will Anerkennung, Pose will Liebe. Wenn beides ausbleibt, wird sie zum Statement.