Fariz Gasimli platzt beinahe vor Freude. Eigentlich sollte er jetzt, während der Winner's Press Conference den Siegern Ell und Nikki eine Frage stellen. Stattdessen schreit der Präsident des Eurovision-Fanclubs OGAE Aserbaidschan seinen Jubel ins Pressezentrum des Eurovision Song Contest in Düsseldorf. Es ist kurz vor halb zwei in der Nacht, vor gut einer Stunde hat Gasimlis Heimatland den Wettbewerb gewonnen. "Ihr habt Aserbaidschan stolz gemacht", ruft der Mann mit der aserbaidschanischen Fahne an der Kosakenmütze dem Gewinnerpaar entgegen.

In den Gesichtern anderer Eurovision-Fans ist zu dieser Stunde eine gewisse Ratlosigkeit zu lesen. Echte Begeisterung über den Sieg des noch jungen Grand-Prix-Landes, das 2008 erstmals zum Wettbewerb gestoßen war, will nicht aufkommen. Auch im Club Quartier Bohème in der Düsseldorfer Altstadt, der in diesen Tagen zum offiziellen Euroclub umgewidmet ist, herrscht später kaum Jubel, als der DJ Running Scared auflegt.

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Der Sieg der gefällig dahinplätschernden Pop-Ballade kam dann doch etwas überraschend. Andere Titel lagen bei den Buchmachern lange vorn und bekamen doch am entscheidenden Samstagabend wenig Punkte. Auch in der Halle war die Stimmung deutlich besser, während andere Lieder spielten, etwa als das verrückte Zwillingspaar Jedward aus Irland auftrat und natürlich, als Lena dran war.

Selbst die Gewinner wirken nach der dreistündigen Show überwältigt. Mit dem Sieg haben auch sie nicht ganz gerechnet. "Das ist ein großartiges Gefühl, ein Traum ist wahr geworden", sagt der 21-jährige Sänger Eldar Qasimov in der Nacht und ringt um Worte: "Ich liebe euch alle". Das Geheimnis des Erfolgs? "Wenn du deine Seele und Liebe in dein Lied legst, werden die Leute es lieben."

"Naja", lautet dagegen das Urteil so manchen Eurovision-Anhängers. "Es ist ein angenehmes Lied, aber richtig stark ist es nicht", sagt etwa Steve aus Großbritannien. "Das wird kein Hit", behauptet er – und damit steht er nicht allein. Dieser Satz ist in der Nacht noch ab und an zu hören. Dabei erwägen die Interpreten bereits, Versionen des Songs in anderen Sprachen aufzunehmen, etwa in Französisch, Spanisch und Deutsch. Letzteres spricht Eldar, der in Deutschland Gesang studierte, fließend.

Eine andere Fangruppe eröffnet derweil wieder die Diskussion über die vielfach erörterte Nachbarschaftshilfe. Schließlich erhielt der Siegertitel nur von drei Ländern die Höchstwertung Douze Points : vom Nachbarn Russland und der befreundeten Türkei, aber auch – interessanterweise – Malta. Mehrfach gab es auch zehn Punkte, etwa aus Moldau und Kroatien. Die zehn Punkte aus San Marino straften zudem alle Debatten um Regionalvoting Lügen. Mit Punkten der Nachbarn allein lässt sich der Eurovision Song Contest eben nicht gewinnen.

 

So sitzen denn der 21-jährige Eldar Qasimov und seine neun Jahre ältere Gesangspartnerin Nigar Camal nach ihrem Sieg glücklich im Pressezentrum, ohne aber – wie Lena und Stefan Raab im Vorjahr in Oslo – in champagnerschäumenden Siegestaumel auszubrechen. Überhaupt schien in diesem Jahr eine gewisse Lockerheit in die aserbaidschanische Delegation eingekehrt zu sein, nachdem 2010 das Team um Safura ( Drip Drop ) recht verbissen an die Sache herangegangen war und die Sängerin, im Vorfeld als heißer Siegertipp gehandelt, am Ende nur Fünfte wurde.

Nun zieht der ESC-Tross im kommenden Jahr nach Baku, an den östlichsten Zipfel des Eurovisions-Gebiets . "Über Aserbaidschan weiß ich kaum etwas", räumt ein dänischer Fan vor der Halle ein. "Wie lange dauert denn der Flug dahin überhaupt?", fragt er seinen Freund. Achselzucken.

Trotz der geografischen Lage war die frühere Sowjetrepublik am Kaspischen Meer in den vergangen vier Jahren seiner Teilnahme nie ein Außenseiter. Achter, dritter, fünfter Platz. Mit Hilfe des schwedischen Produzententeams, das schon Safura unter die Arme griff, reichte es diesmal für die Spitze.

So wird im Lauf der Siegerpressekonferenz neben der üblichen "Wie fühlt ihr euch?"-Fragen eine entscheidende gestellt: Kann Aserbaidschan den ESC überhaupt ausrichten, und werden dann auch alle wirklich willkommen sein? Die zweite Frage interessiert vor allem die vielen homosexuellen Fans des Wettbewerbs, die erwägen, im Mai 2012 in das autoritär geführte Land zu reisen. Der Sänger Eldar druchst herum, spricht etwas wenig Verständliches über unterschiedliche Kulturen und meint nur: "Alle werden willkommen sein und eine tolle Zeit in Aserbaidschan haben."

Aber auch Fans und die Delegation aus dem Nachbarland Armenien, mit dem Aserbaidschan im Dauerkonflikt um die Region Berg-Karabach steht, haben Bedenken. Armen, ein armenischer Eurovisions-Fan aus Hamburg, möchte nicht nach Baku zum Song Contest fahren. "Ich werde als Armenier wohl nicht sehr willkommen sein", sagt er. Die armenische Delegation erwägt gar, dem Wettbewerb 2012 ganz fernzubleiben. Nun müssen die Aserbaidschaner beweisen, dass sie gute Gastgeber sein können und alle Länder herzlich empfangen.

Finanziell wird sich Aserbaidschan den ESC gut leisten können. Das an Erdöl reiche Land dürfte kein Problem haben, eine ähnlich gigantische Show zu stemmen wie Deutschland in diesem Jahr. Und sollten auch weniger Fans aus aller Welt anreisen, einer  wird sicher in Baku sein: Aserbaidschans Fanclub-Präsident Fariz Gasimli mit seiner Kosakenmütze.