"40-year-old rappers rapping about Gucci", so kommentiert der 20-jährige Tyler, The Creator (jawohl, inklusive Deppen-Komma) den Zustand seines Genres. Was er damit meint? Rund 30 Jahre nach den ersten öffentlichen Reimereien in New Yorks Straßen ist Hip-Hop ein erstarrtes Genre . Gefangen in einem Konsenskorsett zwischen Großkünstlern (Jay-Z und Kanye West ) und ärgerlichem, aber harmlosem Mainstream ( Black Eyed Peas ). Der lokale Rest ist marginalisiert. Es ist eine gemütliche, muffige, zutiefst langweilige Zeit im einst aufregenden Genre Hip-Hop. Tyler tritt mit seinem Kollektiv Odd Future Wolf Gang Kill Them All, oder kurz: Odd Future, an, um endlich wieder Angst und Aufregung zu verbreiten.

Sie treffen auf eine komplizierte Situation. Vieles hat sich verändert. Der freie Zugriff auf die Archive, einst integraler Bestandteil der Hip-Hop-Kultur, ist längst verstellt. Die Abfindung der Rechteinhaber ist einfach zu teuer. Das Sampling alter musikalischer Ideen bleibt damit einer kleinen Sparte Rapper vorbehalten: den Unternehmern. Die Black Eyed Peas etwa, eine der erfolgreichsten Hip-Hop-Bands momentan, buchen ihre Musik längst als eine Einnahmequelle unter vielen ab. Sie können die Unkosten für das Sampling des Dirty-Dancing -Heulers (I've had) The time of my life mit den Einnahmen aus ihrem Blackberry-Werbevertrag verrechnen. Oder sie auf die Spesenrechnung setzen.

Der letzte Rückzugsraum für den Nachwuchs ist damit wie so oft das Netz. Hier stellen junge Rapper kostenlos ihre Visitenkarten zum Download bereit: Auf diesen sogenannten Mixtapes werden meist alte Songs überschrieben, mit neuen Raps versehen. Ein guter Weg, um sich der Welt vorzustellen, wenn man seine Verse über einen Gassenhauer legt. Die Hürde zur offiziellen Veröffentlichung – aus Kostengründen selbstverständlich samplefrei! – ist dann allerdings hoch: Plötzlich ist man auf einen eigenständigen Sound angewiesen.

Die Mitglieder des Künstler-Kollektivs Odd Future, die momentan die L.A. Times , die New York Times und die Musikmagazine genauso im Schwitzkasten haben wie die aufgeschlossenen Blogs im Netz, haben im Halbschatten an ihrem Sound gefeilt. Die elf, zwölf Mitglieder (die Angaben schwanken) haben in schneller Folge vier Mixtapes und acht eigenständige Alben produziert, alle stehen kostenlos auf ihrer Homepage . Roher, spartanischer Hip-Hop, auf wackeligen Beatgerüsten, größtenteils samplefrei, mit schneidenden Keyboardsounds. Keiner der Herren ist älter als zwanzig, erstaunlich ausformuliert klingt dieser Sound. Doch er bildet nur das Hintergrundrauschen der Aufregung um Odd Future. Es geht vor allem um ihre Texte und ihr Auftreten, die sie zum aufregendsten popkulturellen Phänomen momentan machen.

Kurz bevor Tyler, The Creator – ohne Plattenvertrag – vor einigen Wochen sein Fernsehdebüt absolvierte, twitterte er: " I want to scare the fuck out of old white fucking people that live in Middle fucking America. " Der Tonfall klingt bekannt. Die Themen (Kidnapping, Vergewaltigung, Nekrophilie und Blasphemie) erinnern stark an den jungen Eminem, doch die musikalische Genealogie lässt sich noch weiter zurückverfolgen.