"Ich hatte keine normale Kindheit, aber ich habe bestimmt mehr erlebt, als man sonst als Kind mitbekommt." Alois Mühlbacher spricht selbstbewusst und weit weniger altklug, als man es von einem 15-jährigen Sängerknaben erwarten sollte. Er ist nicht nur der Star des St.-Florianer-Stiftes, das auf eine mehr als 900 Jahre alte Gesangstradition zurückblicken kann und mit dem Namen Anton Bruckners fest verbunden ist. Alois ist auch das Ausnahmetalent aus dem Nachbarland und Protagonist einer sehr österreichischen Wunderkindgeschichte.

Sie beginnt 1995 im Fremdenverkehrsort Hinterstoder, wo Alois geboren wird. Seine außergewöhnliche Begabung zeigt sich früh. "Zuhause habe ich oft einfach etwas dahergesungen. Meine Eltern sind darauf aufmerksam geworden, dass ich eine hohe und kräftige Stimme habe. Dann sind wir zu den Florianer Sängerknaben gegangen, wo ich vorgesungen habe. Ich wurde aufgenommen, habe mich entwickelt und bin Solist geworden", fasst Alois seine bisherige Gesangskarriere zusammen.

Mittlerweile hat er fast alle weiblichen Opernarien gesungen – von der Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte über die Rosalinde aus Johann Strauss' Operette Die Fledermaus bis hin zur Arie der Zerbinetta aus Richard Strauss' Oper Ariadne auf Naxos . Je schwieriger die Partie, desto lieber singt er sie.

Ist er wirklich ein Ausnahmetalent, ein Wunderkind gar oder bloß das Produkt überehrgeiziger Erwachsener? In der Musikgeschichte schlägt besonders begabten Kindern seit jeher eine Mischung aus Neid, Misstrauen und Anerkennung entgegen. Der 15-Jährige findet für seinen Sonderstatus eine einfache Erklärung: "Ich wollte immer viel mehr proben als die anderen. Man muss auch selbst den Ehrgeiz haben, sonst bringt das sowieso nichts." Drill sei nicht dabei gewesen, sagt Alois mit einem scheuen Blick auf seinen Mentor Franz Farnberger, der den St. Florianer Sängerknaben als Chorleiter vorsteht und seinen Schützling zum Interview nach München begleitet hat. In heiklen Fragen ergreift er gern das Wort für Alois. "Der große Star-Rummel wird nicht sein und war auch nie angestrebt", sagt Farnberger. "Da müsste man ja in jeder Show auftreten."

Tatsächlich hat der Medienrummel um Alois Mühlbacher längst eingesetzt. Seine erste Arien-CD mit Klavierbegleitung heißt Alois Unerhört , Untertitel The boy and his voice . Das Cover zeigt ihn eingehüllt in einen femininen Spitzenschal. Stört es ihn, mit seiner hohen Stimme auf weibliche Rollen festgelegt zu sein? "Ich denke nicht daran, dass da eine Frau singt, sondern versetze mich einfach in die Musik und den Text. Und man sagt mir, dass ich Talent habe, Frauenrollen zu singen und zu spielen." Franz Farnberger fügt hinzu: "Im Umfeld der Sängerknaben ist das ganz normal, solche Rollen zu übernehmen. Wenn man natürlich ein misstrauisch-ablehnendes Gebiet betritt, dann gibt es sicher manche, die sagen, oh Gott, der singt eine Frauenrolle. Dann muss man das Ganze in eine humorvolle Ecke ziehen."

Als nächstes soll ein Album erscheinen mit Liedern von Gustav Mahler – unter anderem die Lieder eines fahrenden Gesellen –, flankiert von Richard Strauss' Spätwerk Vier letzte Lieder . "Das hat sicherlich noch nie ein Knabe gesungen", sagt Farnberger. "Man kann natürlich fragen: Hat die Welt darauf gewartet, dass ein Knabe die Vier letzten Lieder singt und ist das überhaupt legitim?" Klar ist: Die Aufnahme soll den Kunstanspruch des Alois-Projektes untermauern. "Schließlich", sagt Farnberger, "geht es nicht um das Spektakel mit Koloraturen und großen Opernarien, sondern darum, dass Alois etwas macht, wo er ganz intim, ganz persönlich sein kann und wo er die Musik ganz aus sich selbst heraus versteht."

Ein Divus ist er schon jetzt

Geht es wirklich nicht auch ums Spektakel? Die Nachfrage muss, bei allen Zugeständnissen an die hehre Klassik, erlaubt sein. Wir denken an den Wiener Prater mit all seinen menschlichen Attraktionen und Sensationen. Hier waren sie einst zu Hause: der kleinste Mann der Welt, die Frau mit dem längsten Bart. Und nun betritt der Bub mit der höchsten Frauenstimme das Kuriositätenkabinett?

Freilich ist Alois' Stimme weit mehr als Zirkus. Doch selbst der Filmklassiker Amadeus quittierte den sehnlichen Wunsch Antonio Salieris, wie Mozart auch als Wunderkind anerkannt zu werden, mit dem Zitat seines Vaters: "Willst Du, dass ich einen dressierten Affen aus dir mache?" Die Bewunderung des Genialen ist, wenn sie im Medienzeitalter die Massen ergreift, immer auch ein Spektakel. Und nicht erst seit Mozarts Zauberflöte gehört der Klamauk ebenso zur Oper wie die Kunst. So gesehen ist es nur konsequent, dass der Untertitel von Alois' Debütalbum mit dem Unerhörten spielt.

Adalbert Stifter schrieb 1844 in seinem Buch Wien und die Wiener über den Prater: "[W]eiter rechts auf dem Rasenplatz stehen die hölzernen Hütten der Menagerien, und auf riesengroßen Leinwänden sind die Ungeheuer noch fürchterlicher gemacht, als sie selbst drinnen zu schauen sind, und diese Gemälde und dies exotische Schreien und Pfeifen und Girren und Brüllen im Inneren lockt die Leute, daß vor dem Eingange stets ein dichtes Gedränge ist […]."

Schon immer hat die Ambivalenz des Unglaublichen, Unerhörten das Publikum in den Bann geschlagen. In diesem Fall ist die Faszination verknüpft mit der Klarheit einer außergewöhnlichen Stimme und dem Ehrgeiz eines Kindes, das auch nach dem Stimmbruch seine Opernkarriere fortsetzen will. Das Zeug dazu hat Alois Mühlbacher. Und eine große Diva – oder sollte man besser sagen: ein großer Divus? – ist er schon jetzt. "Ich will überhaupt keine Starallüren haben. Aber manchmal besteh ich darauf, wenn ich's will, zum Beispiel ein Zuckerl, und dann bekomme ich es auch."