Elbjazz-Festival , Jazzfest Bonn , Jazztage Dresden – die Programme ähneln einander: Neben meist angelsächsischen Headlinern, vielen Skandinaviern und ein paar großen deutschen Namen wie Klaus Doldingers Passport gibt es einheimische Bands nur in den Nischen. Der junge deutsche Jazz lebt, er ist originell und selbstbewusst – aber man muss ihn suchen, um ihn zu finden.

Zum Beispiel bei Labels wie Enja , ECM oder in der Young German Jazz-Reihe des Labels ACT . "Jahrelang habe ich den deutschen Jazzern vorgeworfen, zu epigonenhaft zu agieren. Man muss seine Wurzeln untersuchen, um sein eigenes Vokabular zu entwickeln – das passiert jetzt endlich", sagt der ACT-Chef Siegfried Loch . "Doch es gibt eine große Diskrepanz zwischen der hohen Qualität und der Akzeptanz durch die Medien und das Publikum." Zum Beweis zitiert Loch den norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft : "Ich schäme mich, wie sehr skandinavischer Jazz in Deutschland gehört wird und wie wenig deutscher Jazz in Norwegen."

Eine Ursache dafür sieht Loch in der Kulturförderung: "Die Kulturbehörden in Norwegen finanzieren zum Beispiel massiv ihre Künstler im Ausland, bezahlen Produktion und Reise." Felix Falk von der Band Mo' Blow bestätigt das. "Selbst die osteuropäischen Staaten schicken ihre Jazzmusiker ins Ausland, indem sie den Festivals die Bands anbieten und die Reisekosten übernehmen. Wer will dem Veranstalter da verübeln, dass er sich eher für das französische Jazzquartett entscheidet, bei dem er nur die Gage zahlen muss, als für uns, wenn er da auch noch Reise- und Übernachtungskosten hat?"

Lutz Streun von der Band Three Fall bedauert das: "Ich liebe Norwegen, obwohl ich noch nie dort war. Ich denke bei Norwegen direkt an die tolle Musik, die von dort kommt. Es lohnt sich also, gute Musik zu fördern und ins Ausland zu schicken. Klar ist es wichtig für Deutschland, 'Exportweltmeister' zu sein. Das bezieht sich aber nur auf Materialismus. Es ist auch wichtig, dass die Welt ein bisschen mehr Seele in Deutschland erkennt. Das geht am besten mit Musik."

Da gibt es doch das Goethe-Institut, das deutsche Künstler als Kulturbotschafter auf Auslandsreisen schickt? Loch hat nicht eben gute Erfahrungen gesammelt: "Als der deutsche Trompeter Till Brönner und der schwedische Posaunist Nils Landgren beim Goethe-Institut in Rom ein Weihnachtskonzert gaben, da kam der schwedische Botschafter - der deutsche Gesandte dagegen nicht." Beispiele dieser Art kann Loch viele nennen. Und weil sein Label  viele nordeuropäische Jazzer betreut, kennt er auch die Kehrseite: "Wenn wir skandinavische Künstler da haben, dann kommen die Botschafter, stellen die Künstler vor. Die Repräsentanten Deutschlands setzen diese Zeichen nicht."

Dabei ist die Basis gut: "Wir haben 24 Hochschulen mit Jazz-Ausbildung, ich schätze, da kommen jedes Jahr rund 2.000 neue Musiker raus", sagt Loch. "Das kostet sehr viel Geld – aber wie viel wird ausgegeben dafür, dass die auch eine Existenzgrundlage haben?"

Jazz funktioniere nicht per Home-Recording im Privatstudio, sagt Falk: "Keine andere Musik ist so stark wie die improvisierte Jazzmusik darauf angewiesen, dass sie live stattfindet. Gleichzeitig schließt seit Jahren ein Club nach dem anderen, was die Musiker um die Spielmöglichkeiten und damit den Jazz um seine Entwicklungschancen bringt."