Ihr Ende war der Anfang. Amy Winehouse eröffnete das Album Back to Black mit ihrer persönlichen Tragödie, ganz beiläufig vorgetragen zu einem heiter dahinrollenden Northern-Soul-Beat. Nein, sie wolle keine Entziehungskur machen, sang sie. Dort gebe es nichts zu lernen, was Ray Charles oder Donny Hathaway ihr nicht beibringen würden. Rehab wurde ihr erster großer Hit, Schulmädchen sangen ihn im Bus, im Radio lief er in Dauerschleife.

Bald wusste jeder, wer sie war. Dieser Lidstrich, diese schwarze Nestfrisur, die Tattoos auf schlaksigen Gliedern. Und diese Stimme! Sie war ein Echo aus windigem Abgrund. Wer sie hörte, wusste, wo Blues und Soul herkommen.

Eine wie Amy Winehouse hätte sich kein Manager ausdenken können. Und sie ließ keinen Zweifel daran, dass es ihr ernst war. Dass sie für die Musik brannte. Dass sie gelegentlich selbst Spiritus ins Feuer schüttete, billigte man ihr zu. Schließlich war das im Rock'n'Roll nie anders.

Ihre Karriere zündelte langsam. Schon mit 14 schrieb sie ihre ersten Songs, flog von der Theaterschule, weil sie ein Piercing hatte. Später besuchte sie die Brit School of Music und sang in einer Jazzband. Im Jahr 2003, da war sie 20, erschien ihr Debütalbum Frank . Ein großes Talent war zu hören, gewann Nachwuchspreise, kam aber außerhalb Englands nur wenigen zu Ohren. Der junge Produzent Mark Ronson wurde auf sie aufmerksam und produzierte mit ihr ein zweites Album. Es sollte beide auf der ganzen Welt berühmt machen. Back to Black wurde im Herbst 2006 veröffentlich und verkaufte sich im kommenden Jahr besser als jedes andere Album. Amy Winehouse erinnerte an die goldenen Zeiten Motowns und löste eine Welle des Retro-Soul aus, die bis heute nicht abgeebbt ist.

Plötzlich war sie ein Star, dem die britische Boulevardpresse nicht von der Seite wich. Auf ihren Fuck Me Pumps oder auch mal barfuß stolperte sie den Fotografen in die Arme, selten nüchtern, meist medienwirksam ungehalten. Während ihrer zweijährigen Ehe mit dem Musikvideoassistenten Blake Fielder-Civil folgten Schlagzeilen über abgesagte Konzerte, Eifersuchtsdramen, blutige Schlägereien, Magersucht, Koks- und Crack-Konsum. Das Publikum wartete auf neue Musik und musste sich mit schlechter Presse begnügen. Als sich zwei Jahre nach dem Erfolg von Back to Black abzeichnete, dass Winehouse so schnell kein neues Album zustande bringen würde, legte man 2008 einfach das Debütalbum noch mal neu auf .

Amy Winehouse konnte das nicht helfen. Sie war längst versunken in den Strudeln multipler Drogensucht. Ihre Mutter sagte damals in einem Interview, sie fürchte, ihre Tochter werde innerhalb eines Jahres sterben. "Wir sehen zu, wie sie sich selbst umbringt, ganz langsam." Tatsächlich lag sie ein Jahr später in den Armen ihres damaligen Ehemanns und atmete nicht mehr. Beide auf Entzug. Er konnte sie gerade noch wiederbeleben.

Der leichtsinnige Trotz, der noch aus Rehab widerhallte, war mittlerweile gebrochen, und sie begab sich schließlich doch in ärztliche Obhut. Immer wieder zur Entziehungskur, kaum war sie draußen, der nächste Rückfall.

Soul mit den Mitteln des Rock muss scheitern

Dass sie sich so schlecht gegen ihre Tragödie wehren konnte, mag viele persönliche Gründe haben. Einer allerdings ist fest verbunden mit der Figur, die sie dem Musikgeschäft hinzufügte: Sie brachte dem Pop eine Ehrlichkeit, von der er sich schon lange zuvor verabschiedet hatte. Soul und R'n'B waren längst Hochglanzprodukte, dessen Verkäuferinnen ihren Job nur hinter einer makellosen Fassade ausüben konnten. Christina Aguilera, Beyoncé oder Mariah Carey dürfen sich keine Abstürze leisten. Und wenn Britney Spears oder Whitney Houston nach ihren Eskapaden wieder auf die Bühne gehen, dann haben sie alles Schmutzige aus ihrem Leben verbannt.

R'n'B mit den Mitteln des Pop funktioniert bestens. Aber Soul mit den Mitteln des Rock ist zum Scheitern verurteilt. Amy Winehouse wollte nie unterscheiden zwischen privater und öffentlicher Person, zwischen Druckraum und Bühne, zwischen ihrem Seelenleben und dem Soul, den sie sang. Im Konzert ließ sie sich für ihr ganzes kaputtes Sein feiern – nicht für die Show. Sie war sich stets bewusst, dass ihre Musik und nicht zuletzt ihr Image aus ihrem inneren Abgrund emporgestiegen waren. Aber sie konnte sich nicht zurückhalten, immer wieder hineinzublicken.

Den richtigen Zeitpunkt für eine Comeback-Tour gab es in den vergangenen Jahren nie. Diesen Sommer sollte es Amy Winehouse, nach einzelnen verwackelten Auftritten , wieder wagen und begann in Belgrad am 18. Juni. Es war eine Katastrophe, die Sängerin zugedröhnt, das Publikum erbost, die Presse vergnügt, die Tour abgesagt. Winehouse kehrte zurück nach London und verschwand langsam in ihrem Abgrund.

Am 23. Juli starb sie in ihrer Geburtsstadt London an den Folgen ihres Drogenkonsums. Sie wurde nur 27 Jahre alt, wie Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Kurt Cobain, die Großen des Rock. Amy Winehouse hat dem Pop viel Gutes gegeben und fünf Grammys dafür bekommen. Sie wurde zu einer Ikone des jungen 21. Jahrhunderts. Wir werden sie mehr vermissen, als wir es seit Jahren getan haben.