Georg Kreisler ist ein Unberechenbarer und ein Unbeschreiblicher: großer Pianist, unerschöpflicher Komponist, Dichter, Wortspieler, Kabarettist, Satiriker, Nomade, Jahrhundertzeuge, Einzelgänger, Weltdurchschauer, Überlebender. Und vor allem ist er dies: ein Anarchist. Berühmt wurde er mit seinen Schwarzen Liedern, den Everblacks , und mit jüdischen Chansons, den nichtarischen Arien . Sein berühmtestes Lied, es verfolgt ihn bis heute, heißt Tauben vergiften und ist ein Klassiker des bösen Humors, eine höllengemütliche Hassliebeserklärung an seine Heimatstadt Wien.

Dort wurde Kreisler am 18. Juli 1922 als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren. Er begann ein Musikstudium am Wiener Konservatorium, doch nach Hitlers Machtergreifung emigrierte er mit seinen Eltern in die USA. Er diente in der US Army, wurde amerikanischer Staatsbürger und kehrte als Militärdolmetscher kurzzeitig nach Europa zurück. In Hollywood arbeitete er als Musiker für Charlie Chaplin,  in New York schlug er sich viele Jahre lang als Nachtclubmusiker durch.

1955 kehrte er nach Wien zurück. Dort belebte er zusammen mit Helmut Qualtinger die Tradition des vertriebenen, wenn nicht ausgerotteten jüdischen Witzes. Aber er wurde nicht mehr heimisch, prägte den berühmten Satz: "Wie schön wäre Wien ohne Wiener" und zog weiter in andere Städte, in denen er sich ebenfalls nicht zu Hause fühlte: München, Berlin, Basel.

Kreislers Karriere ist auch eine Geschichte des Boykotts und der Zensur: Man spielte ihn sehr selten im Radio, man setzte seine Stücke – Komödien, Opern, Operetten – nicht auf die Spielpläne. Er hat dennoch eine große Gemeinde von Fans und Verehrern, die ihm seit Jahrzehnten treu sind. Mit seinen ausgedehnten Gastspielreisen durch die deutschsprachigen Länder (er steuert sein Auto stets selbst) ist es jetzt aber vorbei: Kürzlich hat Kreisler seine Abschiedstournee beendet. Bei einem dieser letzten Auftritte hat er gesagt: "Aller Anfang ist leicht – das Durchhalten bis zum Ende ist schwerer." Es ist ihm grandios gelungen.

Seit einigen Jahren lebt Kreisler mit seiner vierten Frau, Barbara Peters, einer Berlinerin, in einem großen Haus in Salzburg. Darin gibt es zwei Hausbars. Dort, an den heimischen Theken, hat Georg Kreisler vor wenigen Tagen seinen 89. Geburtstag gefeiert. Wer etwas von ihm lesen möchte, dem sei sein wiederaufgelegter Roman Ein Prophet ohne Zukunft empfohlen und seine Gedichtbände.