Ein Festival, und das gilt für Jazzfestivals in besonderer Weise, kann zwei Wirkungen entfalten. Die eine ist unmittelbar: der Moment des Hörens, die Gemeinschaft mit anderen unter freiem Himmel – oder wie jetzt im schleswig-holsteinischen Salzau – unter dem Dach einer riesigen, tönenden Scheune. Musik ist unmittelbare Kunst, wir genießen die Klänge im Moment ihres Entstehens und Verfliegens, darin gleicht das Konzert dem Leben; vielleicht sind wir von gelungenen Auftritten deshalb so berührt.

Man vergisst die Flüchtigkeit dieser Kunst leicht, wenn man sich über seinen iPod beugt und die isolierenden Stöpsel ins Ohr setzt. Die allermeiste Musik, die wir uns gönnen, ist Konserve. Konzert ist einfach noch mal etwas ganz anderes. Wohl dem, der sich zu einer Feier des Augenblicks aus seinem Alltag lösen kann.

In Salzau erfasst eine Woge den Saal, als der deutsche, in New York lebende Sänger Theo Bleckmann, rockig begleitet von Michael Wollny am Flügel, Das Model von Kraftwerk anstimmt, eine schillernde Antihymne auf den Mainstream, die das Jazz-Umfeld komplett überrascht:

Im Scheinwerferlicht ihr junges Lächeln strahlt
Sie sieht gut aus, und Schönheit wird bezahlt
Sie stellt sich zur Schau für das Konsumprodukt
Und wird von Millionen Augen angeguckt

Bleckmann jagt seine Worte durch kleine, schwarze, elektrische Kästchen, bis nur noch ein Glitzerstrudel an die Ohren dringt. Die Zighundert im Saal stöhnen und jauchzen.

Das gibt's nicht auf Platte, das gibt's nur hier, und so prägen sich diese großartigen Minuten den Festivalbesuchern ein. Das wäre die zweite Wirkung eines Festivals neben der augenblicklichen: die anhaltende. Jetzt, Tage nach den drei Tagen in Salzau, sind die kostbaren Momente in die persönliche Erinnerung gebettet, für immer mit diesem Ausflug auf ein patschnasses holsteinisches Dorf verbunden. Musik verfliegt, ja, aber sie zieht eben auch tiefere Spuren ins Selbst als manches, das schwer und wuchtig erscheint.

Die Jazz Baltica in ihrem 21. Jahr ist dem Andenken des schwedischen Jazzpianisten Esbjörn Svensson gewidmet, der vor drei Jahren von einem Tauchgang nicht wiederkam . Svensson hatte Jazz gespielt, als wäre er Pop. Mit seinem Trio war er der weltbekannteste Jazzmusiker Europas, der erste Europäer, der es je auf das Cover des US-Jazz-Magazins Downbeat schaffte.

Svenssons 13-jähriger Sohn spielt mit heiligem Ernst

Svensson kam aus Stockholm über Salzau auf die großen deutschen und internationalen Bühnen; er hat dem Festival stets die Treue gehalten, nun wird er schmerzlich vermisst. So entstand die Idee, Wegbegleiter und Kollegen für ihn spielen zu lassen. Seine Stücke, ihm gewidmete Stücke, von ihm geschätzte Stücke anderer. Sein Bild leuchtet über der Bühne, als der Gitarrist Pat Metheny und der Posaunist Nils Landgren loslegen, begleitet von Dan Berglund am Bass und Magnus Öström am Schlagzeug, der Rhythmusgruppe des Svensson Trios.

Öström, Svenssons Freund seit Kindertagen, führt in brüchigem Englisch durch den Abend, begleitet von einem polternden Gewitter. Immer wieder scheint es, als schwebe der Geist des Pianisten über der Scheune, aber wie ließen sich seine grollenden Interventionen deuten? Es explodiert ein Beleuchtungskörper, es schlägt in der Nähe der Blitz ein, das Licht flackert, die Fernsehkameras des zur Dokumentation angereisten ZDF verabschieden sich und zeigen nur noch Eischnee. Alle im Saal halten den Atem an, diesem Abend mangelt es wahrlich nicht an Energie.

Später stehen die Konzertbesucher, die noch nach Dithmarschen oder Nordfriesland fahren müssen, ratlos auf der vom Wolkenbruch überfluteten Wiese. Die Freiwillige Feuerwehr hievt einen Wagen nach dem anderen auf die Straße und bedankt sich für zehn Euro Spende.

Wer am Ort bleiben kann, erlebt noch eine Steigerung. Traditionell finden in Salzau bis in den Morgen hinein spontane Sessions statt, zu denen sich die Musiker nach Lust und Laune zusammentun. Es ist schon halb drei oder so, als plötzlich ein Junge am Schlagzeug in dem verzierten Saal des Herrenhauses sitzt und ohne eine Miene zu verziehen, großen Jazzern den Takt vorgibt. Es ist Noa Svensson, 13 Jahre alt und Esbjörns Sohn. An der Gitarre steht sein Bruder Ruben, 18.

Noa spielt mit heiligem Ernst. Nur die Wucht seiner Schläge lässt seine Gefühle erahnen. Die Zuschauer sitzen gebannt auf dem Boden und drängen sich vor den Saaltüren; in Salzau wird immer angestanden, von früh bis spät – die Nachfrage nach Jazz scheint noch größer zu sein als das üppige Angebot. Die letzten Stücke erklingen im Morgengrauen, nun spielen die Zuschauer selber. Man kann sie durchs geöffnete Fenster noch drüben auf dem Zeltplatz hören, schlaflos zwischen feuchten Planen.

Was für ein Kraftraum, dieses Salzau, dieses Jazz Baltica. Und was für eine Sünde, dass die Zeit dieses Festivals möglicherweise zu Ende geht, weil der Kieler FDP-Kulturminister kein Ohr hat für das, was hier schwingt. Das Festival bekam dieses Jahr aus allgemeinen Spargründen keinen Zuschuss mehr vom Land, keine 147.000 Euro. Ob es noch ein nächstes Mal stattfinden wird, kann man nur hoffen, nicht wissen. Möge es über dem Landeshaus in Kiel donnern und blitzen.