Hysterie geht mit der Zeit. Und deswegen stehen vor der O2-World, Berlins architekturgewordenem Investorenrowdytum, keine besorgten Katholiken oder andere Tollwutbürger, sondern einige Tausend Menschen in friedlicher Vorfreude. Vor 20 Jahren wäre das womöglich anders gewesen, da waren Judas Priest, die Protagonisten dieses Abends, schlagartig in Verruf geraten. Als Satanistenwerk wurde die britische Heavy-Metal-Band damals bezeichnet. Warum, das muss man erklären:

Im Jahr 1985 hatten sich zwei Jugendliche in den USA ins Gesicht geschossen, der eine starb, der andere war fortan entstellt. Die Eltern zogen vor ein Gericht in Nevada, das klären sollte, ob in einem Lied der Gruppe neben dem Text der Befehl "Tu es!" zu hören sei, eine subliminale Aufforderung zum Selbstmord. Judas Priest wurden zwar freigesprochen, aber die Debatte um den verrohenden Einfluss von Rockmusik hatte ein neues Ausmaß erreicht.

Deutsche Jugendmagazine widmeten dem Thema beunruhigte Berichte, die über Heavy Metal und Hardrock (damals trennte man noch nicht so genau), in abenteuerlichem Furor erzählten: AC/DC dechiffrierte man als Anti-Christ/Devils-Child , die Karnevalsrocker KISS wurden als Kids In Satans Service entlarvt. Eltern gerieten darob in fürsorglichen Aufruhr. Manche zerbrachen die Platten ihrer Kinder oder schlossen die Musik weg, wovon übrigens auch Jan Brandts hervorragender Debütroman Gegen die Welt erzählt, der in diesem Monat erscheint.

Wer heute jedenfalls Judas Priest hört, käme nie auf die Idee, ihnen üble Absichten zu unterstellen. Heute hat man ja die als Aufklärung getarnte Killerspielpanik und das Internet, das sich leichthin für alles Böse in der Welt anklagen lässt. Falls überhaupt ein Fünkchen mulmigen Gefühls in der Berliner Sommerschwüle herumschwebt, dann ist es Wehmut: Judas Priest sind jetzt, 2011, auf Abschiedstournee. Nach 40 Jahren und 50 Millionen verkaufter Alben bringen die fünf Musiker aus Birmingham Lederkluft, Stretchhosen und Nietenhandschuhe in den Schrank.

Epitaph heißt ihre weltweite Ehrenrunde, Grabinschrift also, und wenn man sich eine ausdenken müsste, stünde vielleicht unbescheiden drauf: Die wichtigste britische Heavy Metal Band neben Iron Maiden. Vorher spielen aber zunächst unwichtigere Vertreter aus Schweden, Sabaton, die in Tarnbeinkleid von Heldentod im Schützengraben und 1944 singen, von der Schlacht bei den Thermopylen und vermutlich auch den Goten vorm Vesuv. Bis auf ein paar jubelnde Zuschauer ist die Reaktion auf die als "Power Metal" annoncierte Soldatenprosa eher verhalten.

Dann fliegt ein Vorhang, Feuersäulen, Tusch, Gitarrenjaulen, da sind sie! Priest, wie sie der richtige Fan nennt. Hinten jongliert Scott Travis mit seinen Trommelstöcken, der Bassist Ian Hill steht im Schatten der Boxentürme, an der Kante des Bühnengevierts grüßt Glenn Tipton als Gitarristendenkmal in rotem Lederstretch. Und natürlich: Rob Halford!

Was soll man über ihn sagen? Kaum eine Figur wurde in der Ikonografie des Heavy Metal so oft hofiert, vielleicht noch Ozzy Osbourne und Lemmy Kilmister . Halfords kahler Schädel, seine outrierten Nieten- und Stachel-Kostüme und seine klirrenden Schreie, sind – das muss man sagen – legendär. Metal God rufen ihn seine Anhänger, weil kaum einer im Genre seine Stimme in jene Sphären emporschrauben kann, wo die Luft eines Sängers gemeinhin dünn wird.