Menschen in seltsamen Gewändern

Mit der Kelly Family dürfte ich im redaktionsinternen Wettbewerb der Peinlichkeiten recht weit vorne liegen. In den Sommerferien verbrachte ich stets ein paar Wochen bei meinen Großeltern. Weil das kulturelle Angebot für Elfjährige in Westsachsen Anfang der neunziger Jahre überschaubar war, stand ich plötzlich mit meiner Oma vor einer hölzernen Bühne auf dem Marktplatz in Zwickau. Joey und Maite und Paddy und Angelo – Menschen, die ich nie zuvor gesehen hatte, sangen Lieder, die ich nie zuvor gehört hatte, in Gewändern, die ich nur aus Kostümfilmen kannte. Ob ich es toll oder mies fand; ich weiß es nicht mehr. Ein Jahr später jedenfalls schafften die Kellys den Durchbruch.
Christian Spiller, Redakteur im Sportressort

I did it for Mom

Mutter wollte es so, was sollte ich tun. Also: Bryan Adams kam ins Weserstadion, Summer of 91. Links selig schwankende Ehepaare, rechts die textsichere große Schwester, dazwischen ich, elf Jahre alt, und wollte eigentlich zu Guns N' Roses. Aber wie singt Herr Adams noch heute: I do it for you. Im Zug nach Hause sagte Mutter leise: Danke.
David Hugendick, Redakteur im Kulturressort

Im Spalier durch die Rechtsradikalen

Mein erstes "West-Konzert": The Cure, 1990 am Zentralstadion in Leipzig, Open Air. Es war irre schwül, aber ich wollte auf keinen Fall meine Lederjacke ausziehen, weil ich sie so cool fand. Hab mörderisch geschwitzt. War mir egal, und die Schwüle passte großartig zur ewig langen Live-Version von The Forest. Abendlicht, wundervolle Stimmung, drei Zugaben. Nur das Polizeispalier störte etwas. Das stand an der gesamten Strecke vom Hauptbahnhof zum Zentralstadion und zurück. Und war leider nötig, um zu verhindern, dass die schwarz gewandeten Cure-Fans von Rechtsradikalen angegriffen werden, die zu Hunderten nur darauf warteten. Wilder Osten, schöne Zeit.
Kai Biermann, Ressortleiter Digital

Bei den Synchronlippenbewegern

Die ältere Lady, bei der ich während eines Schüleraustauschs 1990 in Cleveland das Wochenende verbrachte, wollte unbedingt etwas Großartiges mit mir unternehmen. "Something really awesome" sollte es sein. Es wurde: ein Konzert des legendären Pop-Sangesduos Milli Vanilli. Weder die Lady noch ich waren Fans, aber Milli Vanilli die einzigen, für die es an dem Sonnabend noch Karten gab. Noch ahnte niemand, dass es so ziemlich das letzte Konzert von Fab Morvan und Rob Pilatus sein würde. Nur Monate später wurden sie als Playback-Synchronlippenbeweger enttarnt. Obwohl, wäre ich damals schon Journalistin gewesen, das Ganze wäre vielleicht sogar eher ins Rollen gekommen: Morvan sprach mit französischem Akzent, Pilatus mit deutschem. Nur wenn sie sangen, war davon nichts zu hören. "That’s funny", sagte ich zu meiner Gastgeberin. "Indeed." Wäre ich Fan gewesen, ich hätte mich um mein erstes Konzert betrogen gefühlt. So aber freute ich mich später, dass ich dabei war, als zwei angebliche Sänger ein Massenpublikum in Ohio narrten. Ein erstes Konzert, das eigentlich gar keines war. Das hat was.
Domenika Ahlrichs, stellvertretende Chefredakteurin

Allein in der großen Stadt

Ich war 18 und meine damalige Freundin schenkte mir zu Weihnachten Karten für den entspannten Gitarrenklimperer Pohlmann. Es war toll, ein kleiner Schuppen auf der Großen Freiheit in Hamburg. Wir waren zwar die einzigen der knapp 500 Gäste, die kaum einen Refrain fehlerlos mitsingen konnten, aber das machte nichts. Dumm war nur, dass ich in einem Parkhaus geparkt hatte, das nach dem Konzert geschlossen war. Zwei 18-jährige Landeier waren damit drei Autostunden vom Heimatort entfernt in der großen wilden Stadt gefangen. Wir machten das Beste draus: Eine fröhliche Nacht auf dem Kiez.
Steffen Trumpf, Praktikant im Politikressort

James Hetfields dämonisches Grinsen

Unter lautem Gejohle der Vorband The Cult hielten die Fans ihnen ihre Metallica-Tickets entgegen. Welch Einstimmung, nach der ersten Vorband, den Suicidal Tendencies. Als langhaariger Schüler saß man draußen mit Dosenbier auf einem Wall, 1993 vor dem Mannheimer Maimarktgelände. Wenn das Licht richtig stand, konnte man auf den Leinwänden James Hetfields dämonisches Grinsen sehen, wenn der Wind aus der richtigen Richtung wehte, hörte man mehr als nur die Bassdrum Lars Ulrichs. Aber letztlich waren Sound und Sicht egal. Das Bier schmeckte, wir waren jung und vor allem: dabei!
Adrian Pohr, Videoredakteur

"ÄÄÄÄiiiiii Dschäääääääääiiiiiiiii"

Heute ist es mir schon etwas peinlich, aber als ich im Frühsommer 1996 zur Jugendweihe zwei Karten für das Backstreet-Boys-Konzert in der Thüringenhalle in Erfurt bekam, war es das tollste Geschenk für mich.
Meine beste Freundin und ich kreischten, was das Zeug hielt – sie "Brriiiiiiiaaaaann", ich "ÄÄÄÄiiiiii Dschäääääääääiiiiiiiii". Ich bin dann ziemlich schnell heiser geworden, sie wiederum landete im Graben für die ohnmächtigen Mädchen ganz vorne an der Bühne. Selig waren wir nachher beide.
Susann Helmund, Korrektorat

Nie mehr Händewaschen

Billy Joel. Ja, dieser schmalzige Typ mit der Boxernase. Natürlich musste ich mich nach vorne drängen, dort berührten sich unsere Hände. Mich quälte danach sehr die Frage, ob ich die Hand in diesem Leben noch einmal waschen sollte. Leider verlor ich in dem Gedränge meinen rechten Schuh. Ich hatte trotzdem das Gefühl, dass es sich gelohnt hatte.
Tina Klopp, Redakteurin im Ressort Digital