Fanny Hensel, geb. Mendelssohn (1805-1847)
Wie ihre jüngeren Geschwister Felix, Rebecca und Paul erhielt Fanny Mendelssohn eine ausgezeichnete Bildung. Mit dem ebenfalls musikalisch begabten Bruder Felix nahm sie Klavierunterricht bei ausgezeichneten Lehrern. Doch anders als ihrem Bruder gestattete es der Vater Fanny nicht, aus ihrem Talent einen Beruf zu machen. Der Fünfzehnjährigen schrieb er die berühmt gewordenen Zeilen: "Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll." Auch Felix war gegen eine Drucklegung von Fannys Werken: Es schickte sich nicht, dass eine Frau ihres Standes überhaupt Geld verdienen wollte, und dann auch noch mit Musik. So beschränkte sich das Wirken der Komponistin auf die "Sonntagsmusiken" der Familie vor Gästen. Sie heiratete den Maler Wilhelm Hensel. Bekannt sind rund 470 Kompositionen mit einem Schwerpunkt auf Liedern für Singstimme und Klavier. Einige erschienen unter dem Namen ihres Bruders.

Barbara Strozzi (1619-1677)
In die adlige Florentiner Familie Strozzi wurde Barbara zwar adoptiert, vermutlich war sie aber auch die leibliche Tochter Giulio Strozzis. Ihre Mutter war wohl Giulios Dienerin. Der Jurist und Dichter förderte ihr Gesangstalent und verschaffte ihr Auftrittsmöglichkeiten sowie Kompositionsunterricht bei dem Opernkomponisten Francesco Cavalli. Ob sie von ihrer Musik leben konnte oder, wie ihre männlichen Zeitgenossen behaupteten, als Kurtisane ihr Geld verdiente, lässt sich kaum klären. Ungewöhnlich für die Zeit ist, dass sie ihre Werke in persönlichen Sammlungen herausbrachte, nicht zusammen mit anderen Komponisten. Schon in der Zahl der Veröffentlichungen – neun gedruckte Bände – übertrifft sie ihre Zeitgenossen. Ungewöhnlich ist auch, dass sie fast ausschließlich säkulare Werke schrieb, die meisten für Sopran. Innovativ in der Form und emotionsgeladen vertonte sie meist Texte ihres Vaters und seiner Literatenfreunde.

Louise Farrenc (1804-1875)
Louise Dumont, die von 1821 an nach ihrer Hochzeit mit einem Flötisten Louise Farrenc hieß, kam aus einer Pariser Bildhauer- und Malerfamilie. Der Haushalt ihrer Eltern war einer von rund 30 im Künstlerhaus der Sorbonne. Diese Wohngemeinschaft war aus der Zeit der Monarchie übrig geblieben: Bis zur Revolution hatten die Künstler für das Königshaus gearbeitet. In diesem fortschrittlichen Umfeld erhielten auch Mädchen eine gute Ausbildung. Louise bekam Unterricht am Klavier, in Harmonielehre und Musiktheorie. Ihr Mann gründete einen erfolgreichen Musikverlag. Louise wurde eine berühmte Musikerin, 30 Jahre lang war sie Professorin für Piano am Pariser Konservatorium. Erst nach zehn Jahren wagte sie es, dagegen zu protestieren, dass sie weniger Geld bekam als männliche Kollegen. Ihre Kompositionen – viele davon für das Klavier, die besten für Kammerorchester – hatten einigen Erfolg bei Kennern, erreichten aber nie das große Publikum, unter anderem, weil Farrenc nie eine Oper komponierte.

Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel , Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach (1739-1807)
Dass Herzogin Anna Amalia als Musterbeispiel der aufgeklärten Mäzenin, ja geradezu als Begründerin der Weimarer Klassik gilt, ist vor allem den Elogen Johann Wolfgang von Goethes zu verdanken. Tatsächlich fehlten ihr zur Begründung eines Musenhofes wohl die Finanzmittel, und während sie zwar den Dichter Wieland als Hauslehrer bei Hofe einstellte, hatte sie mit den Berufungen Goethes, Herders und Schillers nach Weimar wenig zu tun. Dennoch blühte zu ihrer Zeit das musikalische und kulturelle Leben im Weimar auf. Die Tochter des Herzogs Karl I. von Braunschweig und Nichte Friedrichs des Großen erhielt schon als Mädchen Musikunterricht und spielte Cembalo, Fortepiano, Gitarre und Harfe. Für Aufführungen am Hof vertonte sie 1776 Goethes Singspiele Erwin und Elmire und Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern (1778). Sie komponierte auch Kammermusik und ein dreiteiliges Oratorium .

Mélanie Hélène Bonis (1858-1937)
Mélanie Bonis, wie sie sich als Komponistin nannte, musste sich ihre musikalische Berufung ertrotzen. Ihre kleinbürgerliche Pariser Familie ließ sie nur zähneknirschend studieren, obwohl der Komponist César Franck sie unterstützte. Sie bekam für ihre Arbeiten mehrere Preise, verliebte sich aber dann in einen Kommilitonen, Amédée Hettich, und ihre Eltern nahmen sie vom Konservatorium. Sie musste den 22 Jahre älteren Industriellen Albert Domange heiraten, dem sie drei Kinder gebar – ein viertes bekam sie von Hettich. Als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, schrieb sie bis zum Ersten Weltkrieg den größten Teil ihrer rund 300 postromantischen, teils impressionistisch beeinflussten Werke. Sie wurde Mitglied der Société des Compositeurs, hatte aber offenbar die Sorge, als Frau nicht akzeptiert zu werden: Sie ließ ihre Noten unter dem Namen Mel Bonis drucken. Nach den Kriegserfahrungen ihrer Söhne und dem Tod ihres Mannes 1918 litt Bonis unter Depressionen und komponierte kaum noch.

Brahms reagiert mit vor Verachtung triefender Stimme

Ethel Smyth (1858-1944)
In einem ihrer autobiografischen Bücher schildert Ethel Smyth , wie Johannes Brahms eine Fuge von ihr analysierte. Vom Lob des Komponisten ermutigt, wagte sie es, ihn auf ein Detail hinzuweisen – und erntete eine ironische Antwort, "mit vor herablassender Verachtung triefender Stimme". Brahms, schreibt Smyth, "hatte sich daran erinnert, dass ich ja eine Frau war". Die Anerkennung als gleichwertige Komponistin war ihr Lebensthema. Die Erlaubnis zum Musikstudium in Leipzig erkämpfte sie sich in ihrer viktorianischen Offiziersfamilie mit einem Hungerstreik, für Konzerte in Restaurants, in die Mädchen nicht gehen durften, verkleidete sie sich als alte Schabracke. Mehrere von Wagner beeinflusste Opern hatten vor allem in Deutschland Publikumserfolge. Smyth unterstützte die Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht kämpften; ihr March Of Women wurde deren Hymne. In späten Jahren ließ ihr Gehör nach. Mit autobiografischen Büchern wurde sie populär; in der Folge wurde auch ihre Musik aufgeführt.

Hope Lee (geboren 1953)
Die in Taiwan geborene Hope Anne Keng-Wei Lee lebt seit 1967 in Kanada . Sie hatte eigentlich eine Karriere als Medizinerin angepeilt, doch der Klavierunterricht, den sie seit dem fünften Lebensjahr nahm, wirkte sich aus: Sie studierte Klavier, Komposition und elektronische Musik in Montréal und Freiburg. Seit 1980 ist sie mit dem Komponisten David Eagle verheiratet, mit dem sie oft zusammenarbeitet. Sie wird als "interkulturelle Forscherin" beschrieben, die gern verschiedene Sparten der Kunst verbindet, etwa in Licht-Klang-Installationen. Mit Computern als Instrumente hat sie sich ebenso auseinandergesetzt wie mit der Philosophie und Notation der chinesischen Zither Qin, die sie virtuos spielen lernte. Ihr wohl umfangreichstes Werk ist der 1989 begonnene Zyklus Voices In Time : elf Stücke, die je einen Abschnitt der chinesischen Geschichte abbilden, aber auch einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Ihre atonalen Werke sind komplex und expressiv.

Vivienne Olive (geboren 1950)
Die in London geborene Vivienne Olive hat am dortigen Trinity College Klavier-, Cembalo-, Orgel- und Musiktheorie studiert, dann in York, Mailand, Wien und Freiburg vertiefende Studien angehängt. 1979 wurde sie Dozentin für Musiktheorie und Komposition am Nürnberger Meistersingerkonservatorium (der heutigen Hochschule für Musik) und begründete die Tage Neuer Musik in Nürnberg mit, später unterrichtete sie mehrfach zeitweise in Australien. Seit 1995 ist sie Vorstandsmitglied des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik. Ihr Oeuvre reicht von der Blockflöte bis zur Oper: Das hässliche Entlein entstand für einen Kompositionswettbewerb der Kölner Hochschule für Musik in Zusammenarbeit mit der Kölner Oper 2004. Das Libretto der Märchenoper stammt von der Filmemacherin und Schriftstellerin Doris Dörrie. Vivienne Olive will ihr Publikum ebenso wie auf der intellektuellen auch auf einer emotionalen Ebene erreichen und so die Distanz vieler Zuhörer zur Neuen Musik überwinden.

Florentine Mulsant (geb. 1962)
Florentine Mulsant , Tochter eines Unternehmers und einer Aristokratin, wurde in Dakar im Senegal geboren und lebte bis zu ihrem siebten Lebensjahr in Algier. Mit 15 Jahren studierte sie am Pariser Conservatoire, während ihre Familie in Madrid lebte. Ihre Ausbildung folgte den klassischen Disziplinen Harmonielehre, Kontrapunkt, Fuge, Analyse und Orchestersatz. Sie gehört heute vor allem in Frankreich, aber auch in Deutschland und den USA zu den profilierteren Komponistinnen. Ihr Stil vereint Elemente aus dem postseriellen Erbe, das europäische Komponisten vor allem in den fünfziger Jahren beeinflusste, mit dem Expressionismus, der in jüngster Zeit bei vielen Komponisten wieder mehr Gewicht bekommen hat. Ihre erste Sinfonie 2006 war ein Auftragswerk des französischen Radios, das gleich ein weiteres Großwerk bei ihr bestellte. Im Juni hatten in Trier ihre Quatre Nocturnes Uraufführung, ein Auftragswerk des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier.

Camille van Lunen (geb. 1957)
Als Tochter einer französischen Mutter und eines holländischen Vaters wuchs Camille van Lunen in mehreren Ländern Europas auf. Sie studierte zunächst Bratsche am Brüsseler Konservatorium, dann Gesang in Den Haag und Köln, wo sie mit ihrem Ehemann lebt, dem britischen Dirigenten Roderick Shaw. Sie tritt als Sopranistin in verschiedenen Ensembles auf, ihr Repertoire reicht von barocker bis zur zeitgenössischen Musik. Als Komponistin hat sie sich vor allem der Oper gewidmet, aber auch für gemischten und Kinderchor, Solostimme, Orgel und Kammerensembles geschrieben. Die Kinderoper Der Felsenjunge nach einem Libretto von Jan Michael war eine Auftragsarbeit der Stadt Leverkusen. Ihr Bläserquintett Entgleist ist eine Hymne an die Pünktlichkeit der Bahn. Lunen verarbeitet gern zeitgenössische Themen: Ihr Oratorium Star Over Amsterdam "versetzt die Weihnachtsgeschichte in die heutige Zeit. Gegen die Last einer kriegerischen Besatzung triumphiert der Geist der Freiheit", wie sie sagt.