Die Band gefiel vorzüglich. Nur der Sänger nervte. Derlei kommt vor. Allerdings hieß der Sänger Dylan. Das macht die Sache speziell.

Bob Dylans Berliner Konzert, als Doppel-Show annonciert, war seit Monaten ausverkauft. Man kann spekulieren, wer dafür sorgte – Dylan oder Mark Knopfler, sein populärer Hallenheizer. Dylan tritt ja nicht überall vor 11.000 Menschen auf. Der massenkompatible Gitarren-Sympath Knopfler wiederum ist kein Liebling der Fachkritik. Dylanologen verbannen ihn in die dunkelste Epoche ihres Meisters. Auf Dylans christlichem Coming-out Slow Train Coming (1979) klampfte der Chef der Dire Straits.

Ruhmvoll waren Knopflers Taten wider die Handwerksverachtung des Punk. Seine Soloplatten liefern gediegene Gitarrenmalerei. Knopflers Seelenton ist bekömmliche Melancholie, die auch sein Septett intonierte. Sailin' To Philadelphia erfreute, sodann Brothers In Arms . Fiedel und Flöte rührten ans Herz. Die Texte richteten wenig Schaden an: German Beer is chemical free / Germany is alright with me. Nach 75 Minuten flammte das Saallicht auf: strahlende Beck's-Reklame.

Die sogenannte O2 World ist kein Musentempel , sondern ein Sportpalast. Viele Rockfans meiden die sterile Riesenhöhle aus Prinzip. Das Publikum ähnelte dem Ort. Knopflers Sound war allerdings klar wie Kristall. Gong! Schon stand Dylan auf der Bühne. Die Band stampfte los. Es erhob sich, schaurig laut, ein rostiges Gebell: Leopard-skin Pill-box Hat . Ähnlich hingehustet folgte It's All Over Now Baby Blue , wobei Dylan erst- und letztmalig Gitarre spielte. Fortan beorgelte er sein Keyboard und blies Mundharmonika. Mark Knopfler blieb für vier Songs auf der Bühne. Dann trat er ab und ließ uns mit unserem Helden allein.

Unser Dylan? Allen gehört er, und keinem – seit fünf Jahrzehnten . Weltweit wird Bob Dylan als Generationsgefährte beansprucht, wenn nicht als Stimme und Führer. Wie wenig er dazu taugen möchte, erfuhren 120.000 Ostdeutsche gleich bei ihrem ersten Dylan-Konzert am 17. September 1987, das ursprünglich in der Westberliner Waldbühne stattfinden sollte. Im Vorverkauf wurden 2.000 Karten abgesetzt. Das Management und der Zentralrat der FDJ hievten Dylan, Tom Petty & The Heartbreakers und Roger McGuinn über die Mauer in den Treptower Park. Diese unerhörte Nachricht verursachte eine Generationswallfahrt Ost, die für die meisten Pilger enttäuschend endete.

Natürlich trotzte Dylan der Messiaserwartung. Er sprach kein Wort. Er blieb nur eine Stunde. Wusste er überhaupt, wo er war? Zehn Monate später kam Bruce Springsteen hinter den Eisernen Vorhang. Drei Stunden tobte die E-Street Band, vor 160.000 Entzückten. Lauthals verkündete Springsteen seine Freude, in Ost-Berlin zu spielen. Und er hoffe, dass eines Tages alle Mauern fallen.

Den zweiten Satz tilgte das DDR-Jugendradio DT64 aus der Übertragung. Die Berliner Mauer hörte ihn dennoch und erfüllte Springsteens Wunsch. In den neunziger Jahren kam Dylan zurück und reparierte seinen Ruf mit langen beseelten Konzerten am Dresdner Elbufer, im Berliner Tempodrom-Zelt, in der Waldbühne, wo nun immerhin 13.000 Menschen die künstlerisch stabilisierte Ikone erleben wollten. Letztmalig sah ich Dylan 2006, in New Orleans. Dringlicher kann kein Konzert sein.

Die Crescent City erhob sich mühsam vom Totenbett. Ganze Stadtteile waren vom Hurrikan Katrina und von der Mississippi-Flut vernichtet. Dennoch entschloss sich New Orleans, sein Jazz Fest auszurichten. Das Festivalgelände lag im Katastrophengebiet. Dylan betrat gewohnt umstandslos die Bühne und begann mit Maggie's Farm . Kein Kommentar, bis zum Schluss. Anderntags spielte Bruce Springsteen mit der Seeger Session Band. Er bündelte die Stimmung, er reflektierte Sehnsucht und Wärme. Als er My Oklahoma Home Has Blown Away sang, weinten viele.

Dylans ruiniertes Organ

Das war und ist von Bob Dylan nicht zu haben. Der traktierte in Berlin sein Örgelchen und bellte The Lonesome Death Of Hattie Carroll und Ballad Of Hollis Brown , gefolgt von Desolation Row. Wie üblich, verwehrte er den Songs die altvertraute Form, auf dass sie weiterleben und sich wandeln wie die Zeiten. Highway 61 blieb ein straffer Boogie, bei Nettie Moore vom 2006er Album Modern Times sah man Menschen aus der Halle wandern. Sie verpassten Ballad Of A Thin Ma n, dessen Melodie so wenig Änderung verträgt wie das Intro von Beethovens fünfter Symphonie. Dafür musste All Along The Watchtower durch den Fleischwolf, bevor Like A Rolling Stone die anderthalb Stunden beschloss.

Seit an Seit traten Dylan und Band an die Rampe und schauten erfreut ins jubelnde Publikum. Abgang. Zugabe: keine. Saallicht und Beck's-Reklame. Leuchttafeln informierten über das baldige Gastspiel von Roland Kaiser, dessen Hits Lieb mich ein letztes Mal und Manchmal möchte ich schon mit dir dann auch jene Wünsche erfüllen dürften, die Bob Dylan offenließ. Aber was fehlte denn?

Die Stimme. Der Anti-Belcanto Dylan hat im Halbjahrhundert seiner Kunst mitunter grenzwertige Vokalisten dargeboten, aber nie ein so völlig ruiniertes Organ. Neun Tage zuvor sangen im Berliner Admiralspalast seine Generationsgenossen David Crosby & Graham Nash. Man erwartete sie mit Bange, weil diese Althelden weniger vom Genius als vom Feinschliff leben. Ihr Auftritt wurde zum ästhetischen Triumph – wie lange noch? Die Zeit ist auf Seiten von Bob Dylan, dessen Songs adaptiert werden, dessen Denkräume und Bilderwelten sich mit fremden Stimmen füllen.

Am Ende der DVD von Martin Scorseses großartiger Dylan-Dokumentation No Direction Home finden sich Bonus-Aufnahmen, in denen die Interviewten ihren liebsten Dylan singen. Mavis Staples dampft und atmet A Hard Rain's A-Gonna Fall . Der irische Büffel Liam Clancy sitzt im Pub bei einem Riesenbier und schluchzt fast, als er, aus mühsam bezähmter Brust, Girl of the North Country brummt. Joan Baez tremoliert Love Is Just a Four-Letter Word , aber durch die abgeklärte Ironie schimmert eine späte Bitternis darüber, wie Dylan ihre Liebe verriet. Dylan sagt: You can't be wise and in love in the same time.

Auf der nächtlichen Heimfahrt traf ich in der Straßenbahn einen Freund, mit dem ich 1977 in Budapest zelten war. Seltsam, er schien ergraut. Auch er kam gerade von Dylan, aber begeistert von dessen Schrottgesang. "Diese Stimme!", rief er. "Diese tolle Härte, Wahnsinn! Das Alter hat echte Vorzüge!"