ZEIT ONLINE: Herr Roedelius, ursprünglich wollten Sie Arzt werden. Stattdessen sind Sie nun seit mehr als vier Jahrzehnten Musiker. Sind die beiden Berufe denn vergleichbar?

Hans-Joachim Roedelius: Ja, das finde ich schon.

ZEIT ONLINE: Hat ihre Musik eine direkte, körperliche Wirkung auf den Hörer?

Roedelius: Sie soll diese Wirkung nicht haben, das ist nicht meine Absicht, aber sie hat sie wohl. Das höre ich jedenfalls immer wieder. Viele Hörer schreiben mir, meine Musik habe eine heilsame Wirkung. Ich bin ja ausgebildeter Masseur und Physiotherapeut. Deshalb freue ich mich sehr, wenn sich die Menschen bei mir bedanken, dass meine Musik positive Auswirkungen auf sie hatte.

ZEIT ONLINE: Viele ihrer Alben tragen Titel, in denen Wind, Wasser oder der Frühling vorkommen. Entsteht diese heilsame Wirkung vielleicht, weil sie in ihrer Musik die Natur zum Klingen bringen?

Roedelius: Wenn, dann steckt da keine Absicht dahinter. Ich mache Musik nicht von der Theorie her, sondern aus dem Bauch oder aus dem Herzen, aus dem prallen Leben heraus. Wir sind doch alle Teil der Natur. Dem einen ist das mehr bewusst, dem anderen weniger. Und das drückt sich dann natürlich auch in der Musik aus.

ZEIT ONLINE: Wenn man heute die Wiederveröffentlichungen ihrer älteren Platten hört, fällt auch auf, dass Sie sehr oft sehr viel Klavier spielen – ganz im Gegensatz zum Klischee, Sie seien vor allem ein Pionier der elektronischen Musik.

Roedelius: Ich bin zum Klavier gewechselt, weil meine Ohren müde wurden von dem ganzen elektronischen Kram. Ich finde ja auch, dass es noch nicht ausreichend erforscht ist, was so ein elektronisch erzeugter Ton im Wesen eines Menschen anrichtet. Anfangs ist es mir passiert, dass ich krank wurde von meinen eigenen Tönen. Ich habe dann lange herumexperimentiert, welche Töne ich verwenden kann, ohne dass es mir selbst weh tut. Und ich rede jetzt nicht nur von dem Hörschaden, den ich von den großen Lautstärken davongetragen habe. Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, ob die Frequenzen, die ich bisweilen benutze, so koscher sind.