Die besten Alben des Jahres – Seite 1

Jan Freitags Lieblinge

Moritz Krämer: Wir können nix dafür (Tapete)
Wir können nix wofür – dass da ein Album ins Bauchgefühl kriecht, dem man die Schwierigkeit, emotionalen Pop ohne Pathos zu machen, nie anhört? Doch, Moritz, da kannst du was für! Der Berliner Multifunktionskünstler hat mit seinem Debüt sehr bewusst den Soundtrack entspannter Ziellosigkeit geliefert. Ein nuschelndes, knarzendes, wunderbares Manifest lässiger Aufgewühltheit, das zu Tränen rührt und zum Lachen bringt, ersteres öfter. Irgendwie sehr 2011.

 

Boy: Mutual Friends (Grönland Records)
Wenn Deutschsprachler Englisch singen, klingt das oft nach Dictionary im Proberaum. Boy klingen, als seien sie am Pazifik aufgewachsen oder in Chicago, kommen aber aus Zürich und Hamburg. Nicht grad gesalbte Ursprungsorte des besten Singer/Songwritings im ganzen Jahr: zwei Frauen, zwei Stimmen, dazu Orgel, Gitarre. Easy Listening, das nicht aus Selbstzweck leicht klingt, auf einem Debütalbum, das rauf und runter laufen kann. Tag für Tag. Danke.

 

Kitty, Daisy & Lewis: Smoking in Heaven (Sunday Best/PIAS)
Wer etwas Altem huldigt, sollte dabei besser nicht lachen, sonst ist es keine Huldigung, sondern Karikatur. Kitty, Daisy & Lewis lachen nie. Bedingungslos stoisch zelebrieren die drei britischen Geschwister ihren Rock'n'Roll-Swing-Ska und sind dabei bedingungslos nostalgisch statt bloß retro. Noch bedingungsloser sind sie nur ihrer Musik ergeben. Man hört es in jeder Note. Wer das ehrlich genießen kann, hat gewonnen. Alle anderen stehen auf Ted Herold.

 

Tipps von Thomas Groß

Thomas Groß' Lieblinge

James Blake: James Blake (Polydor/Universal)
Nervöse weiße Jungmännerelektronik trifft auf nervöse schwarze Soulfulness. Manche vermissen die Melodien, manche beklagen die lebensweltliche Blässe dieses wirklich blutjungen britischen Bürschelchens, andere verfallen in Lobeshymnen und wollen ein neues Genre gesichtet haben, Autoren-Ambient oder Produzenten-Dubstep. Doch was sind Begriffe, wenn so viel schwer Vereinbares auf so einleuchtende Weise zusammenfindet? Eindeutig der Bastard des Jahres.

 

PJ Harvey: Let England Shake (Island/Universal)
Gute, alte Polly Jean: Ihre Karriere ist ein Zickzackkurs, bei dem der Blues immer dabei ist, vor allem aber: Zuverlässig kehrt sie wieder, nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern in diesem Fall im Frühjahr, wo sie die große Klage über Albions verlorene Söhne anstimmte und sich nebenbei gegen Krieg, Ausbeutung und andere unschöne Dinge aussprach. Protestlyrik im hoch pathetischen Folkgewand – und, als wäre das nicht genug, die Platte, die die Tottenham Riots vorweggenommen hat.

 

Glen Campbell: Ghost On The Canvas (Smd Neo-Surfdog/Sonymusic)
Erst wurde er vergesslich, dann fand er im eigenen Haus das Badezimmer nicht mehr. Doch statt sich zu Hause zu verbunkern, outete sich der große Glen Campbell als Mann, den auch seine fortschreitende Demenz nicht aufhalten kann. Songschreiberisch kann er nicht ganz an seine überirdisch schönen Erfolge (By The Time I Get To Phoenix!) im Countrypop-Genre anknüpfen, doch ist seine neue CD schon jetzt ein Klassiker: das erste Alzheimer-Album in der Geschichte des ewigjungen Rock'n'Roll.

 

Tipps von Sebastian Handke

Sebastian Handkes Lieblinge

 

Fink: Perfect Darkness (Ninja Tune)
Auch das vierte Album des zum Songwriter konvertierten Ninja-Tune-DJs hält nicht ganz, was es verspricht. Aber es ist doch wieder erstaunlich, wie Finks feinnerviges Gitarrenspiel, die schlichten Arrangements mit ihrer unterschwelligen Spannung, behutsam gesetzte Nuancen und die unvergleichliche Stimme (dem Blues oft näher als dem Folk) selbst größter Wehmut noch Wärme verleihen.

 

Jill Scott: The Light Of The Sun (Blue Babe/Warner)
Nach drei leider nur semi-guten Platten, einer schweren Trennung und dem Ausflug ins Schauspielfach ist Jill Scott endlich ganz bei sich selbst. Mühelos wechselt sie die Register zwischen katzenhaft und orkanartig, von sanftem Jazz über Spoken Word zu Modern Soul. Womanifesto heißt eines der Stücke, es könnte ihr Motto sein: "I am arms to hold / I am lips to speak / I am a muthafucking 'G'!" Ein Jammer nur, dass auch dieses erfreulich experimentelle Album nur eine Ahnung davon gibt, was für ein Ereignis diese Frau in echt und auf der Bühne ist.

 

Nils Frahm: Felt (Erased Tapes)
Mit Filz dämpfte der Berliner das Innere seines Klaviers, damit er nächtens den Nachbarn nicht mehr auf die Nerven geht. Während die Hammer nur noch sachte auf die Seiten fallen, knarrt, raschelt und klackert's leise in der Mechanik. Felt ist schlichte, flüsternde, weltvergessene Musik für die Nacht. Dazwischen: der Atem des Pianisten.
 

Tipps von Stefan Hentz

Stefan Hentz' Lieblinge

Nils Petter Molvær: Baboon Moon (Columbia/Sony)
Die kleine, zusammengeflickte Hängebrücke zwischen den Kontinenten Dancefloor und Improvisation, Elektronik und Jazz. Mit seinem neu formierten Trio führt Nils Petter Molvær seine dialektischen Verwandlungstricks auf: Eine zarte Melodie bauscht sich zu monolithischen Klangwänden, eine tastende Linie zu physischen Beats, Nebel verhangene Melancholie schlägt um in schiere Aggressivität.

 

Charles Lloyd/Maria Farantouri: Athens Concert (ECM/Universal)
It's the singer, not the song. Und manchmal ist es auch der Saxofonist. Wenn Charles Lloyd und Maria Farantouri in der Ursuppe der Melodie rühren, dann verschwinden alle Prägungen: gleich, ob es sich um eine traditionelle griechische Melodie handelt oder um eine Linie aus dem Schatzkästlein des Jazz, um einen indianischen, einen afrikanischen oder einen asiatischen Song. Es zählt nur die Kraft der Melodie, die Kraft der Sängerin oder des Saxofonisten.

 

Sebastian Gille: Anthem (Pirouet)
Eine der angesagten Boy-Groups im europäischen Jazz – straight out of Köln und Hamburg. Dabei knalljung und knietief in der Tradition des sound of surprise. Alles fließt, ständig. Alles brodelt, verändert sich im Zusammenspiel, im ständigen Wechsel zwischen Aktion und Reaktion. Und über allem Hexengebräu schwebt das Saxofon von Sebastian Gille, kernig, selbstbewusst, virtuos und zupackend: So klingt Reife. Das Geburtsjahr 1983 tut da nichts zur Sache.

 

Tipps von Burkhard Schäfer

Burkhard Schäfers Lieblinge

Erkki-Sven Tüür: Ärkamine (Ondine)
Aufregende Musik für Chor und Orchester aus Estland von einem der interessantesten Komponisten der Gegenwart: Erkki-Sven Tüür (Jg. 1959) schrieb Ärkamine (zu Deutsch: Erwachen) 2011 im Auftrag der (noch) Kulturhauptstadt Tallinn zum 20. Jubiläum der Befreiung Estlands von den sowjetischen Besatzern. Die Balten hatten die Russen damals aus dem Land gesungen, was als Singende Revolution in die Geschichte einging. Unter anderem davon handelt das politisch und spirituell motivierte Werk, das eine Ahnung davon vermittelt, welche Kräfte die menschliche Stimme auch heute noch zu entfesseln vermag.

 

Sofia Gubaidulina: Fachwerk – Silenzio (Naxos)
"Wahre Musik hat die Struktur der göttlichen Schöpfung", sagte die wohl bedeutendste lebende Komponistin Sofia Gubaidulina dem Ensemble-Magazin für Kammermusik anlässlich ihres 80. Geburtstages am 24. Oktober. Hört man diese phänomenale CD, dann spürt man, was damit gemeint ist. Gubaidulina adelt das russische Volksinstrument Bayan (eine Art Akkordeon) zum klassischen Klangkörper und entlockt ihm Harmonien von transzendenter Schönheit.

 

Grigorij Krein/Samuil Feinberg: Violinsonaten (Genuin classics)
Ja, es gibt sie noch, die kammermusikalischen Entdeckungen jenseits des Repertoires, wenn auch nicht mehr oft. Die beiden Interpreten Ilona Then-Bergh (Violine) und Michael Schäfer (Klavier) machen es sich seit Jahren zur Aufgabe, solche Schätze zu bergen. In den Violinsonaten von Grigorij Krein (1879-1957) und Samuil Feinberg (1890-1962) sind sie 2011 abermals fündig geworden. Die Werke der beiden russischen Juden erfahren eine intensive und beglückende Lesart, die das Anhören dieser CD zu einem Erlebnis macht.
 

Tipps von Frank Schäfer

Frank Schäfers Lieblinge

Bullet: Highway Pirates (Black Lodge)
Eine junge, dynamische, die Hardrock-Weltbühne im Sturm enternde Wikingerhorde, die AC/DC noch einmal ganz neu interpretiert, nämlich den beschleunigten Zeiten anpasst. Vor jedem neuen Song trinken sie zwei Kannen Kaffee und kloppen hernach doppelt so schnell, doppelt so nervös und unglaublich durchschlagend die immergrünen Riffs herunter. Ihre Stücke heißen Stay Wild, Blood Run Hot und, na klar, Heavy Metal Dynamite. Könnte ja ein schlechter Tag werden ...

 

Graveyard: Hisingen Blues (Nuclear Blast)
Graveyard hauchen der schon lange verwesten Leiche Heavybluesrock wieder blühendes Leben ein. Wer Free zu Recht für vergessen hält, der muss Hisingen Blues hören, denn das ist das Album, das Kossoff und Rodgers nie schreiben konnten. Entsprechend rüde, staubtrocken und analog hat man diesen Geniestreich produziert. Aber was heißt schon produziert? Man hat zwei Mikros in die Mitte gestellt und die Bandmaschine angeworfen.

 

Portrait: Crimen Laesae Majestatis Divinae (Metal Blade)
In den frühen Achtzigern gaben Mercyful Fate dem frühen Black Metal das, was Venom wegen ihrer manuellen Benachteiligung nicht fertigbrachten: Dynamik, Punktgenauigkeit und filigrane Leadgitarren, die noch dazu mit einer traumwandlerischen Melodiesicherheit aufwarten konnten. Portrait fangen da an, wo ihre Ahnen aufgehört haben. Sie sind agil, pechschwarz, komplex und sowas von true. Ein bisschen Satanismus hat noch nie geschadet.
 

Tipps von Volker Schmidt

Volker Schmidts Lieblinge

Iiro Rantala: Lost Heroes (ACT)
Perfekt: Ein zerknautschter Finne zollt am Klavier mit Eigenkompositionen seinen Jazzhelden Tribut, von Bill Evans bis Michel Petrucciani (und Luciano Pavarotti, aber das ist kein Jazz und verwirrt jetzt nur). Dem Bassisten Jaco Pastorius nur im Tieftonbereich und dem 2008 verstorbenen Esbjörn Svensson traurig, aber unsentimental. Mächtige Basspranke und feines Fingerfiligran, lyrische Träumereien und klangstarke Rhythmik. Selten so unlangweiliges Jazzpiano gehört.

 

Alexander: Alexander (Vagrant Music/Beggars)
Imperfekt: Alexander Ebert reißt die Nashville Skyline ein und baut sich aus den Trümmern ein Album, das die Magie des Unfertigen atmet. Alle Instrumente spielt er selbst, die kauzigen Klarinetten und die gewöhnungsbedürftigen Geigen, die Gitarren und Orgeln, auch die Kopfstimmen im Background sind von ihm. Folkaffin, mit Texten, von denen sich mancher Songwriter die eine oder andere Pointe abschneiden könnte. Hätte es 2011 einen Sommer gegeben, das wäre sein Album gewesen. War aber auch so ganz schön.

 

Hazmat Modine: Cicada (Jaro Medien)
Plusquamperfekt: Wenn die Welt in einer Silberschüssel schwimmt, die auf dem Rücken einer grünblauen Schildkröte steht, die über Berge wandert, die auf einer Akazie ruht, die aus dem Maul eines flammenspeienden Stieres wächst, dessen Hufe auf einem Sandkorn im Auge eines gigantischen Fisches stehen, dann ist die Musik von Hazmat Modine, die in Bahamut diesen Fisch besingen, die wahre Weltmusik. Harmonika- und blechbläserlastiger Sumpfblues mit weltläufigem Akzent.
 

Tipps von Matthias Schönebäumer

Matthias Schönebäumers Lieblinge

Moomin: The Story About You (Smallville)
Spät, aber nicht zu spät. Das beste Hamburger Ladenlokal in Sachen wolkenverhangenem House in gewohnter Form. Sebastian Genz lässt wohlige Melancholie und Schläfrigkeit in einem behaglichen Groove aufgehen. Der Bass klopft, Möwen schreien. Das Artwork kommt von Stefan Marx. Please exit here for harbour boat trips.

 

Robag Wruhme: Thora Vukk (Pampa)
Die Wandlung des Jahres. Vom Witze-Clown mit den ulkigen Titeln zum besten Produzenten in 2011. Leicht verpennter House mit offenem Fenster und Regen auf dem Balkon. Steht hier auch stellvertretend für die tolle Mix-CD Wuppdeckmischmapflow, die diese Hitparade nur um Haaresbreite verpasst hat.

 

Roedelius/Schneider: Stunden (Bureau B)
Behutsames Zusammenspiel zweier Männer, die einander zuhören können. Hans-Joachim Roedelius' Klavierminiaturen treffen auf Stefan Schneiders (Kreidler, To Rococo Rot) sanfte Synthesizer-Linien. Ein Album voller Momente der Ruhe und schützender Winkel. Darüber hinaus eines der schönsten Plattencover des Jahres.
 

Tipps von Maxi Sickert

Maxi Sickerts Lieblinge

Albert Ayler: Love Cry/The Last Album (Impulse!/ Universal)
In den sechziger Jahren brannte Amerika. Den Soundtrack zu Bürgerrechtsbewegung, Vietnamkrieg und Black Panther Movement bildete das Label Impulse! Records in New York mit der Fire Music ab. Zum fünfzigjährigen Jubiläum hat Universal noch einmal die Mastertapes gesichtet und eine Reihe von Alben wiederveröffentlicht. Darunter skurrile und klangradikale Aufnahmen, wie das Untitled Duet von Albert Ayler, das 1969, im Jahr der Mondlandung, auf seinem episch theatralen Werk The Last Album erschienen war. Ein Duett aus der Metal-lastigen E-Gitarre von Henry Vestine mit dem jeden Nerv erfassenden, ebenfalls E-verstärkten Dudelsack von Albert Ayler, der sich auf diesem Album Mary Parks nennt.

 

Meredith Monk: Songs of Ascension (ECM)
Was ist eigentlich aus Meredith Monk geworden? Das hat sich offenbar auch Manfred Eicher gefragt, sie dreißig Jahre nach Dolmen Music (ECM 1981) wieder für sein Label ins Studio geholt und in der New Yorker Academy of Arts and Letters die Songs of Ascension aufgenommen. Die Stimme der Sängerin und Konzeptkünstlerin, die nach ihrer Aufnahme 16 Milimeter Earrings 1966 für Stimme, Gitarre und Tonbänder ebenfalls auf fast fünfzig Jahre Aufnahmegeschichte zurückblickt, klingt unverändert meditativ. Schwebend im novembrigen Morgennebel eines mönchischen Klostergartens.

 

Daniel Erdmann/Samuel Rohrer: How To Catch A Cloud (Intakt)
Wie fängt man eine Wolke? Mit einem verwunschenen, nasal-blechernen Saxofon und einer zerrissen vibrierenden E-Gitarre. Jazz wie ein früher, prä-dadaistischer Kandinsky: eckig und diskant, mit weichen Linien und Halbkreisen, die im wolkigen Dickicht eines Berliner Winterhimmels verschwinden.

 

Tipps von Claus Spahn

Claus Spahns Lieblinge

Wolfgang Amadeus Mozart: Klaviersonaten, Kristian Bezuidenhout (harmonia mundi france)
Mozartsonaten gut zu spielen, heißt die Balance zu finden. Man darf den Stücken nicht zu distanziert und respektvoll begegnen. Man darf aber auch nicht zu viel wollen und sie zu egomanisch und subjektiv angehen. Man muss sich dem Fluss der Musik mit großer Selbstverständlichkeit überlassen und trotzdem ein feines Ohr haben für das atemberaubend Überraschende, das Mozart seinen Stücken immer wieder einkomponiert hat. Der südafrikanische Kristian Bezuidenhout beherrscht diese Balance. Sein Mozartspiel lebt von tollen Farben, Kontrasten, Stimmungswechseln. Er zeigt Mozart als Theatergenie. Was auch an seinem farbenprächtigen, historischen Instrument liegt: Es ist der Nachbau eines Pianoforte von Anton Walter aus dem Jahr 1802.

 

Ludwig van Beethoven: Die Streichquartette, Artemis-Quartett (Virgin/EMI 7 CDs)
Jedes Streichquartettensemble hat die Beethovenwerke im Repertoire, Gesamtaufnahmen mit allen Quartetten gibt es viele. Aber eine so großartige Einspielung, wie sie jetzt das Artemis-Quartett vorgelegt hat, gibt es ganz selten. Sie hat Referenzcharakter. Wie mit einem Laserstrahl brenngenau auf den Punkt gezirkelt sind die Phrasierungen der vier Musiker. Ihr Spiel ist expressiv und zielt doch stets auf eine objektivierte Klarheit im Ausdruck. Wohin man auch hört: Es wird sehr genau empfunden.

 

Antonio Vivaldi: Cellokonzerte, Akademie für Alte Musik Berlin, Ltg.: Georg Kallweit, Jean Guihen Queyras (Violoncello) (harmonia mundi france)
Wer immer noch glaubt, der italienische Komponist sei ein Langweiler, wird hier eines Besseren belehrt. Vivaldi war einer der wichtigsten und prägendsten Opernkomponisten seiner Zeit. Er hat theatralisch effektvolle und erfindungsreiche Musik geschrieben in souveräner Kenntnis der instrumentalen Möglichkeiten. Gerade dieses handwerklich Raffinierte, das Gespür für Wirkungen und das Erzmusikantische machen ihn als Komponisten interessant. Mit Superschwung stürzen sich die Berliner auf den Venezianer, und der Cellist Jean Guihen Queyras turnt mit halsbrecherischer Virtuosität durch die Akkordbrechungen und Skalenkaskaden.

 

Tipps von Ulrich Stock

Ulrich Stocks Lieblinge

Boy: Mutual Friends (Grönland)
Meine Lieblingsalben sind letzthin selten "des Jahres". Die Platten lösen sich von ihrem Erscheinen. Töchterchen fragt schon: "Papi, warum hören wir nie was von Musikern, die noch leben?" Schlimm! Immerhin kann ich drei 2011er Alben benennen, die zu diesem irren Jahr passen. Da wäre dieses Frauen-Duo aus Zürich und Hamburg: Boy. Auf dem Cover lümmeln sie wie Girlies vor dem Sofa. Die Ältere (34) bläst einen Kaugummi auf, während außerhalb des Wohnzimmers die Finanzblase platzt. Geht's noch? Keine Politik ist auch keine Lösung – Spätpubertätspop!

 

Sepalot: Chasing Clouds (Eskapaden Musik)
Deutlich mehr Realitätsbezug hat Sepalot aus Bayern, auch wenn der Name seines Albums, Chasing Clouds, verdammt nach einer Luftnummer klingt. Der Mann hat in den letzten Jahren einiges an Hip-Hop, Soul und Ricky Shayne zusammengetragen. Beim Anmischen des Eigenen konnte der Transatlantiker schließlich aus 80 verschiedenen Datenträgern schöpfen! Schmeckt wie Kopie und Paste – echt gutt.

 

Conflicts & Conclusions – Das Kapital Plays Hanns Eisler (Das Kapital Records)
Wenn schon Zitat, dann aus den Liner Notes dieses Albums: "Im Zeitalter der äußeren und inneren Euro-Krise greifen ein Deutscher, ein Franzose und ein Däne die Musik eines großen Europäers auf, um uns eine brisante Geschichte über das Hier und Heute zu erzählen. Die einen verteidigen Europa am Hindukusch, die anderen schotten es im Mittelmeer ab. Es gilt die Karten auf den Tisch zu legen und Klartext zu reden. Die alten Konflikte brauchen neue Lösungen." Gitarre, Schlagzeug, Saxofon: Das Kapital spielt Hymnen von Hanns Eisler (1898-1962). Yeah!
 

Tipps von Rabea Weihser

Rabea Weihsers Lieblinge

Peter Licht: Das Ende der Beschwerde (Motor)
Banal! Aufzuschreiben, was ohnehin schon alle kennen, ist meist überflüssig. Dennoch hat in diesem Jahr niemand die allgegenwärtige Hassliebe so heiter in Vers und Klang gefügt wie Peter Licht. Wir umarmen neue Technologie und fürchten uns vor ihr. Wir bangen um unsere Renten, und wollen doch immer jung bleiben. Kapitalismus ist scheiße – aber was nun? Peter Licht hören. Das wirkt zumindest dem elenden Gefühl der Individualisierung entgegen.

 

James Blake: James Blake (Polydor/Universal)
War das wirklich alles in den vergangenen zwölf Monaten? So viel James Blake überall. Ein Debütalbum, eine EP, Dauergast in der Hauptstadt. Und die Aufregung ist berechtigt. Dieser 23-jährige Londoner hat Avantgarde und Pop auf eine Weise kombiniert, die selbst Hipster verstehen. Wabernde, weite Räume, Rauschen, komplexe Strukturen, die man ergründen wollen muss. Und das Wunderbare: Alle wollen!

 

Bon Iver: Bon Iver (4AD/Beggars)
Was macht ein Album zur Platte des Jahres? Sie ergreift einen, lässt einen fassungslos zurück ob ihrer erhabenen Schönheit. Dieses kleine, sehnende Gitarrenthema, aus dem sich Bon Ivers Perth entwickelt, schiebt alles weg. Die Krisen, die Hektik, die Wut ergeben sich: Solang solche Musik komponiert wird, kann es nicht so schlimm stehen. Die Dichte des Eröffnungssongs haben nicht alle Stücke des Albums, aber der allein reicht für 365 Tage.

 

Tipps von Thomas Winkler

Thomas Winklers Lieblinge


 

Beirut: The Rip Tide (Pompeii Records/Indigo)
Zu Hause, im fernen Deutschland, regnete es ohne Unterlass. Doch die beiden Wochen in diesem Sommer in Santa Fe waren sehr schön. Der Himmel war endlos, jeden Nachmittag klärte ein kurzes Gewitter die Luft, und die lauen Abend auf der Plaza wurden von lokalen Bands untermalt. Als die zwei Wochen vorbei waren, brachte Zach Condon, der sich hinter Beirut versteckt und aus Santa Fe stammt, The Rip Tide heraus. Das war auch sehr schön. Am schönsten ist natürlich der zweite Song, denn der heißt Santa Fe.

 

Maike Rosa Vogel: Unvollkommen (Our Choice/Rough Trade)
Maike Rosa Vogel zuzuhören, das ist fast so, als säße man nach all den Jahren wieder am Küchentisch der Wohngemeinschaft. Alle labern so vor sich hin, sprechen von ihren Befindlichkeiten, trinken noch einen, stecken sich die nächste mit der alten Zigarette an, bis der Aschenbecher überquillt, nehmen ihre Gefühle zu wichtig, erklären das Private zum Politischen und retten in diesem Augenblick doch tatsächlich die Welt. Es sind schöne Erinnerungen. Nur das Rauchen muss man wirklich nicht vermissen.

 

The Head And The Heart: The Head And The Heart (Heavenly/ Cooperative Music/ Universal)
Charity Rose Thielen kann zum Glück nicht singen. Das können ja die anderen von The Head And The Heart schon so gut. Würde Charity Rose Thielen nicht immer genau einen halben Ton daneben liegen, wären The Head And The Heart bloß noch eine Neo-Folk-Band mit wunderschönen Harmoniegesängen, die nicht ganz so gut sind wie die der Fleet Foxes. Dank Charity Rose Thielen aber finden die Engel wieder nach Hause zu den Menschen. Außerdem trägt sie den schönsten Namen der Saison und kann ganz gut Geige spielen.
 

Tipps von Philipp Wurm

Philipp Wurms Lieblinge

Locas in Love: Lemming (Staatsakt/Rough Trade)
Ein Wirkstoff gegen Nihilismus im Krisen- und Katastrophenjahr 2011: Lemming, das vierte Album der Kölner Indieband, erzählt davon, dass wir doch nicht dem Untergang geweiht sind – in akribisch arrangierten Songs, die bei aller Zartheit niemals ihre Dringlichkeit verlieren. Gitarrenpop im Zustand der Vollendung, heilsam wie Bücher von Albert Camus.

 

Destroyer: Kaputt (Merge Records)
Der kanadische Dreampop-Virtuose Dan Bejar betreibt Expeditionen wie ein Astronaut: Er forscht in Sphären, die noch niemand zuvor betreten hat. Mit dieser Platte ist sein Projekt Destroyer dem Mirakel ein weiteres Stück näher gekommen. Saxofone, die wie Kometen leuchten; Synthesizer, die schäumen wie die Milchstraße; ein Gesang, so entrückt wie Juri Gagarin bei seinen Raumflügen. Ladies and gentlemen, we are floating in space!


Mogwai: Hardcore Will Never Die But You Will (Rock Action Records/Sub Pop)
Falls es eine Auszeichnung für den plakativsten Albumtitel des Jahres gäbe, wären Mogwai todsichere Kandidaten. Aber auch sonst zeigt die Instrumental-Rock-Band aus Glasgow unbedingten Willen zur Kraftmeierei. Kakophonisch dröhnende Gitarren rollen über Bass und Schlagzeug hinweg wie Monstertrucks, und wenn die Kolonne davon gezogen ist, setzen yoga-taugliche Regenerationsphasen ein – nur damit die nächste Angriffswelle wieder anrückt. Eine Schocktherapie, die wachrüttelt.