Keith Jarrett auf einem Archivbild © Jens Kristensson/AFP/Getty Images

Timing ist die halbe Miete, wenn es um Musik geht. Wer mit Keith Jarrett sprechen will, der muss pünktlich sein, auf die Minute. Jarrett könnte sonst verstimmt sein, so geht zumindest die Legende. Umso größer ist die Überraschung, dass er heute so aufmerksam, gesprächig und gut gelaunt ist. Die gute Laune hat zwei Ursachen, das macht er schnell deutlich: eine neue Liebe und ein – nicht nur in seinen eigenen Augen – gelungenes Konzert.

Seit bald vier Jahrzehnten beeindruckt Keith Jarrett sein Publikum durch improvisierte Solokonzerte, in denen sich eine Offenheit für die Stimmungen der Klavierliteratur und die gestalterische Intelligenz eines Komponisten zeigt. Schon das Köln Concert aus dem Jahr 1975, das meistverkaufte Jazz-Soloalbum aller Zeiten, machte alle Zukunftssorgen überflüssig. Doch mit Rio ist dem Pianisten etwas Neues gelungen , ein Ausblick in eine hellere, freundlichere Dimension seiner Musik, von der auch Jarrett selbst überwältigt ist: Nie war er so zufrieden mit der Aufnahme eines seiner Solokonzerte.

ZEIT ONLINE: Mister Jarrett, als Sie vor zwei Jahren in Berlin spielten , lag eine Spannung in der Luft, die fast an Feindseligkeit grenzte. Dabei hatte ich das Gefühl, dass Sie mit dieser Spannung ganz bewusst ein Stück anheizen.

Keith Jarrett: Ich muss immer mit dem arbeiten, was vorhanden ist, mit dem Klavier, der Halle, dem Publikum – das alles ist mein Instrument. Und wenn da eine angespannte Atmosphäre ist, kann ich die nicht einfach ignorieren. Aber ich habe die Möglichkeit, die Spannung selbst zur Quelle des Konzerts zu machen, zum Material, aus dem ich schöpfe. Damals war ich gerade in der Trennungsphase einer Beziehung, mein Gefühlsleben war eher düster, aber in der Musik lassen sich diese negativen Emotionen in etwas Positives verwandeln.

ZEIT ONLINE: Ihre Solokonzerte sind geprägt vom Ringen um Konzentration in einer grundsätzlich unruhigen Umgebung, manchmal wirken sie dabei einfach nur in sich gekehrt, manchmal fast schon abweisend. Rio zeigt nun ein ganz anderes Konzerterlebnis, leicht und heiter.


Jarrett:
Es war eine ganz neue Sache für mich, es begann schon damit, dass ich keinen Soundcheck gemacht habe. Zum ersten Mal. Ich hatte so oft gedacht, wenn ich beim Soundcheck schon spiele, ist die Situation nicht mehr rein, und ich kann das Konzert nicht mehr bei null starten. Als ich dann in Rio auf die Bühne ging, passierte etwas Eigenartiges: Es lag keine Spannung in der Luft, ich fühlte mich überhaupt nicht angespannt.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Jarrett: Ich glaube, das lag an meiner neuen Liebesbeziehung. Ich habe eine Frau auf der anderen Seite des Ozeans kennengelernt, und das erklärt völlig, wieso sich diese Aufnahme anders anhört als frühere. Sehr viel von dem, was mir gerade passiert, bringe ich mit dieser neuen Beziehung in Verbindung: Ich hatte vor dem Konzert mit ihr telefoniert und war so erfüllt mit Hoffnung und positiver Energie wie schon lange nicht mehr. Schon deshalb fühlte ich mich einfach gut auf dieser Bühne.

ZEIT ONLINE: Die offene Struktur ihrer Konzerte erfordert eine vorbehaltlose Konzentration, die fast schon an Meditation grenzt. Haben Sie Rituale oder andere Techniken, um diesen Zustand zu erzeugen, bevor Sie auf die Bühne gehen können?

Jarrett: Das passiert einfach. Ich habe keine Ahnung, wie. Immer wenn ich ein Solokonzert spiele, beschleicht mich irgendwann so ein bestimmter Bewusstseinszustand. Ich sitze backstage , esse noch etwas, und plötzlich, wenn die Zeit des Konzerts näher rückt, übernimmt mein Körper die Regie. Dann höre ich auf, mit den Leuten am Tisch zu reden und es geht etwas anderes in mir vor.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie so sehr auf die Vorgänge in Ihrem Inneren fokussiert sind, ist es dann überhaupt noch ein Unterschied, in welchem Teil der Welt Sie gerade spielen?

Jarrett: Es ist jedes Mal anders. Ich fahre immer einige Tage vor den Konzerten an die Orte, an denen sie stattfinden und versuche, alles aufzusaugen, das Lebensgefühl, die Kultur, die Klänge. Dort, wo ich mit dem Ort vertraut bin wie in New York oder in vielen Städten Europas, ist mir alles fast schon zu vertraut. Das macht es schwer Spannung aufzubauen.

"In Europa denken die Leute, sie wüssten schon alles"

ZEIT ONLINE: Aber das Publikum ist ja immer ein anderes.

Jarrett: Ja, es hat überall einen eigenen Ton, und ich spüre das sehr schnell, schon bevor ich auf die Bühne gehe. In Europa, an Orten, wo viel über Kunst geredet wird, denken die Leute, sie wüssten schon alles. In Japan ist man sehr höflich und zurückhaltend, und wenn der Applaus nachlässt, dann geht das so schnell, dass man denkt, man befindet sich in einem Vakuum. Aber die Leute kommen, um eine Erfahrung zu machen, und so war das auch mit dem Publikum in Brasilien.

ZEIT ONLINE: Was war hier besonders?

Jarrett: Ich konnte spüren, wie sie sich auf das konzentrierten, was ich spielte, und der Applaus passte immer genau zu meinen eigenen Empfindungen. In Rio passte alles zusammen: das Publikum plus Brasilien plus die schäbige Halle. Es war ein altes Opernhaus, etwas heruntergekommen, die Türen haben nicht richtig geschlossen, und die Leute im Publikum wirkten nicht wie ein Kammerkonzertpublikum, eher wie im Theater – und sehr intim. Das Klavier hatte so viel Farbe, es war einfach da, hing da ab und wartete, dass jemand kommt und all diese Farben nutzt. Es war ein amerikanischer Steinway, zum ersten Mal auf einer meiner Solokonzertaufnahmen. Ich sage schon immer, deutsche Steinways können keinen Blues spielen . In einer Kammermusikhalle mögen sie perfekt sein: Du spielst sie leise, du spielst sie laut – es ist immer ein Klavier. Amerikanische Klaviere dagegen haben viel mehr Obertöne, sie singen, und damit arbeite ich sehr gern. Ich möchte nicht, dass es klingt wie ein Klavier.

ZEIT ONLINE: Ihre Musik hat bei aller Spontaneität oft eine Aura von Strenge, als würden Sie vermeiden wollen, auf ausgetretenes Terrain zu gelangen. Auf Rio hat sich dieser Eindruck verflüchtigt, plötzlich erscheint das Komplexe simpel und umgekehrt.

Keith Jarrett: Das liegt an meiner neuen Beziehung und an Rio. Die Lockerheit dort kommt direkt aus der Kultur und aus ihrer Verbindung zum Jazz. Jazz hat die Brasilianer beeinflusst, und dann hat die Musik, die sie aus diesen Einflüssen entwickelten, wiederum den Jazz geprägt. Es gibt da also einen Kreislauf zwischen Nord- und Südamerika. Da geht es um Rhythmen und Afrika, um das Leben auf der anderen Seite des Äquators. Gleichzeitig ist die mediale Dichte viel geringer, ich sah in Rio zum Beispiel niemanden mit einem Handy. Es fühlte sich an wie früher, als man die Dinge einfacher anging, relaxter und sich mehr am Leben freute. Dort ist den Menschen die Fähigkeit zum Hören noch nicht durch unsere Onlineshopping-Mentalität weggeblasen. Sicher gibt es das dort auch, aber ich spürte dort eine gute Abwesenheit.

ZEIT ONLINE: Das klingt nostalgisch, als haderten Sie mit der Gegenwart und würden sich gern in die Zeiten zurückversetzen, als Jazz als eine Art populäre Gebrauchsmusik, eingebettet in einen bestimmten sozialen Zusammenhang, entstanden ist.

Keith Jarrett: Natürlich ist es gut, dass immer mehr Menschen verstehen, dass Jazz ein ernsthafter Ansatz ist, Musik zu machen. Jazz muss nicht immer nur populär sein. Aber gleichzeitig ist es auch wichtig, dass Brasilien seine Musik behalten hat. In der Musik haben die Brasilianer ihre Seele zusammengehalten. Sie waren auf der Straße und haben da Geräusche, Sounds gehört oder jemanden, der mit Leidenschaft gesungen hat und dazu Gitarre spielte oder trommelte. So etwas geht verloren, wenn man an die Hochschulen gehen muss, um die Musik zu studieren. Die Beziehung zwischen Älteren und Jüngeren, zwischen Meister und Lehrling, die bringt die Musik voran, aber so etwas gibt es kaum noch. Es gibt immer weniger Clubs und kaum noch Musiker. Es ist ja keiner mehr übrig. Fast.

ZEIT ONLINE: Musiker, die ihr Handwerk auf einem hohen Niveau beherrschen, gibt es immer noch viele, wahrscheinlich mehr denn je. Knapp geworden sind allerdings die alten Meister.

Keith Jarrett: Genau. Vielleicht werde ich ja einer, wenn ich es nicht schon bin. Aber Rio ist das Zeugnis von einem, der nicht alt ist. Und das liegt an meiner neuen Freundin.