Im großen Buch der Popgeschichte wurden innerhalb weniger Stunden gleich zwei neue Seiten beschrieben. Am Sonntag verstarb Whitney Houston , eine der wenigen übergroßen R'n'B-Sängerinnen unserer Zeit. In der Nacht zum Montag wurden in derselben Halle, in der man im Sommer 2009 Michael Jackson vor einem trauernden Fernsehpublikum aufgebahrt hatte, die 54. Grammy Awards verliehen.

Schon während vorangegangener Partys und der Proben zur weltweit wichtigsten Musikpreisverleihung äußerten viele Kollegen ihre Anteilnahme am Tod Whitney Houstons . Aber wie würde eine dreieinhalbstündige Fernsehshow, die zur Primetime ein Millionenpublikum erreicht und ein Millionenbudget kostet, diese Trauer in ihre perfekte Inszenierung integrieren? Würden die Grammy-Regisseure ihre fröhliche Triumphschau vom Schicksal einer der größten Stimmakrobatinnen der Popgeschichte trüben lassen?

Sie taten es nicht und hielten stattdessen an der erfolgreichen Glitterlogik fest, die Menschen zu Funktionsvariabeln degradiert: The show must go on! Das Musikgeschäft verkauft Emotionen, aber Andacht ist kein Ton auf seiner Klaviatur. Die Kameras während der Übertragung wandten sich also den jubelnden, schulballkleidberüschten Blondinen zu oder der Lebenswerkpreisträgerin Diana Ross , die rief: "Großartige Energie. Wir haben hier so viel Spaß!" Immerhin trug sie Schwarz dabei, wie etwa die Hälfte der prominenten Gäste, die noch rechtzeitig ihre schillernden, geliehenen Designerroben gegen etwas Schlichtes tauschen konnten.

Zwei Momente der Besinnung hatten die Regisseure dann doch eingepreist. Gleich zu Beginn der Show sprach der Rapper und Gastgeber der Sendung, LL Cool J, ein Gebet in schönstem Teleprompterduktus. Und gegen Ende der Sendung trat Jennifer Hudson, Grammy-Preisträgerin von 2009, auf die Bühne, um den lebendigen Beweis der Einzigartigkeit von Whitney Houstons Stimme anzutreten: Hudson sang I Will Always Love You , allein vor dunkler Kulisse, still, anrührend, gut. Aber eben nicht so kraftvoll und strahlend, wie es ihr Vorbild vermochte. Es war ein Tribut, der die Erinnerte in Ehren hielt, indem sie das Wagnis einging, im direkten Vergleich zu verlieren.

Der Tod wirft alles durcheinander. Er ist der natürliche Feind einer Fernsehshow, die das Lebendige feiern will. Anstatt der hochkünstlichen Veranstaltung ein wenig echte Bestürzung zuzugestehen, ließ das Skript lediglich ein wohlfeiles Bye-Bye-Pflichtprogramm zu. Manche Musiker brachten kurzatmig ein paar nette Worte im Drehbuch unter. Während Rihanna in Hotpants über die Bühne fegte, schrie sie: " Grammy, make some noise for Whitney! " Stevie Wonder fügte hinzu: "Ich möchte Whitney da oben im Himmel sagen: Wir alle lieben dich, Whitney Houston." Alicia Keys und Bonnie Raitt hatten einen Song von Etta James einstudiert, die im Januar gestorben war . Noch ein Gruß: "Wir lieben Whitney Houston!" Dann wieder Party.

Wie eine trotzige Selbstbehauptung wurden die Live-Auftritte von Bruno Mars, Coldplay , David Guetta , Nicki Minaj, Bruce Springsteen , Paul McCartney und der mehrfachen, neuen Grammy-Gewinner Foo Fighters, Adele und Taylor Swift abgefeuert.