Der Maler Gerhard Richter hat gesamtstaatliche Relevanz. Niemand hat sensibler die innere Verstörtheit und Ohnmacht der Gesellschaft in schemenhaften, verschwommenen Bildern dargestellt. Richter ist Kanon. Und Richter ist teuer. Dass der Wert eines Kunstwerks jedoch nicht in seinem Preis besteht, ist offensichtlich. Ist Richter besser als etwa Baselitz, weil seine Bilder mehr kosten? Bestimmt der Markt die Relevanz? Diese Frage anlässlich des 80. Geburtstages des Malers und der Eröffnung der großen Richter-Retrospektive in der Berliner Nationalgalerie ist zugleich eine, die das deutsche Kulturverständnis und dessen Förderung betrifft, die dieser Tage auf verschiedenen Ebenen diskutiert wird.

Wie bemisst sich also die Relevanz, nach der die Bundesregierung ihre Fördermittel verteilt? Was genau Kunst ist, zu der Jazz und improvisierte Musik gehören, darf dabei nicht gewertet werden, so sieht es die im Grundgesetz durch Artikel 5 geschützte Kunstfreiheit vor. Es ist nicht nur verboten, auf Methoden, Inhalte und Tendenzen der künstlerischen Tätigkeit einzuwirken, sondern auch, den künstlerischen Gestaltungsraum einzuengen oder Regelungen für den Schaffungsprozess vorzuschreiben. Ob auch die Nichtförderung bestimmter kultureller Bereiche, die abseits einer großen Öffentlichkeit in Nischen operieren, den Gestaltungsraum und den Schaffensprozess unzulässig einengt, ist zu überlegen.

Die Kunstform Jazz, deren Protagonisten sich in die aktuelle Kulturförderdebatte dringlich einbringen, beruht auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung, Improvisation und Intuition und ist nicht notwendigerweise funktional. Das Kunstwerk steht meist am Ende eines kreativen Prozesses, kann aber auch der Prozess selbst sein. Die Hinterfragung des offenbar immer noch relevanzbestimmenden Werkbegriffes muss vor dem Hintergrund veränderter künstlerischer Bedingungen neu diskutiert werden. Nicht nur das fertige Bild oder die notierte Komposition machen das Kunstwerk und damit dessen Wert aus. Hier ist auch ein verändertes Denken in der Struktur der Gema und ihrer Unterteilung in E- und U-Musik erforderlich, sowie in ihrer Gebührenpolitik, die kleinere Konzerte für die Clubs fast unmöglich machen.

Das "Staatsziel Kultur" soll im Grundgesetz verankert werden

Dabei zieht gerade die experimentelle Szene Berlins weltweit Musiker an, die ein geballtes Potenzial bilden, das nach außen wirkt. Die bestehenden Förderstrukturen erreichen diese Szene jedoch nicht. Vielmehr leidet sie unter den Sparzwängen. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Konzertorte und wichtige Festivals weggebrochen, wie das Total Music Meeting. Um Kultur in den Ländern nachhaltiger unterstützen zu können, fordert der Kulturrat in Deutschland, das "Staatsziel Kultur" im Grundgesetz zu verankern. Die jüngste Anfrage kam am 7. Februar, der Kulturausschusses debattierte daraufhin am 8. Februar im Bundestag mit dem Ergebnis, dass nur eine Verankerung im Grundgesetz eine Basis schaffe, auch kommunale Kulturprojekte zu fördern, die sonst Sparzwängen geopfert werden.

Dazu hat sich der Einfluss der Bundesförderung durch die erst vor wenigen Jahren erfolgte Bildung des neuen Amtes eines Kulturstaatsministers stetig vergrößert. Dieses eindeutige politische Zeichen zur Stärkung der Kultur trägt aber auch die Verantwortung, die Bedürfnisse der vielfältigen Szenen zu erkennen und gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Der Begriff der gesamtstaatlichen Relevanz, auf den sich der Bund gern zurückzieht, muss neu gedacht und den veränderten Bedingungen angepasst werden. Die Initiative der Musiker, in den direkten Dialog zu gehen, gab es seit den siebziger Jahren nicht mehr und zeigt die Stärke der aktuellen Szene. Nur wer politisch präsent ist, kann auch politisch gehört werden.